Farlion hat in seinem neusten Beitrag ein Appell für eine sekuläre Gesellschaft geschrieben und so sehr ich ihm auch zustimme, wenn ich auch die Analyse der Ursachen und Gründe ganz anders ansetzen würde, widerspreche ich ihm mit seiner Schlussfolgerung vehement. Dadurch, dass religiöse Gründe immer wieder zu Angriffen auf unschuldiges Leben führen, schließt er, Religion aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Keine Kopftücher, keine Kreuze, keine Schwesterntrachten, keine Mönchskutten in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Soweit folge ich, aber er möchte dies ersetzen durch den Spruch „Was Du nicht willst, was man Dir tut, das füg‘ auch keinem and’ren zu“, den er gerne gerne an den Wänden öffentlicher Gebäude lesen würde.

Doch dem kann ich nicht zustimmen und auch wenn es einer Spitzfindigkeit nahe kommt, will ich kurz erläutern, warum.

Dieser Satz macht gleich, wo nicht gleichzumachen ist. So kann ich natürlich anderen Menschen etwas zufügen, was mir selbst nicht zugefügt werden soll, denn dieser Imperativ soll sich wohl auf alle Handlungen beziehen, so negativ auch zufügen klingen mag. Aber wir Menschen sind nicht alle gleich, das kann sich schon in ganz alltäglichen Beriechen zeigen lassen. Wenn ich meiner Freundin Brokkoli koche, dann füge ich ihr etwas zu, was ich nicht will, dass man es mir zufügt. Sicherlich die Motivation ist entscheiden und da möchte ich ja auch, dass mir etwas gutes zugefügt wird, wie es meine Motivation ist, dem anderen etwas gutes, Brokkoli, zuzufügen. Aber da ist der springende Punkt und spielt den Fanatikern geradezu in die Hände. Nicht ohne Grund ist diese Form der Goldenen Regel christlich entstanden.

Entweder legt man sie so aus, dass man Menschen nur das zufügen soll, was man selbst zugefügt bekommen möchte, dann ist sie Schwachsinn, weil nicht alle Menschen gleich behandelt werden wollen und können. Oder aber man versteh es als Motivationsüberprüfung. Dann wird die Regel gefährlich. Denn genau so wird religiös argumentiert.

Wir müssen euch von der Sünde befreien, wir wollen euch doch nur Gutes. Unsere Motivation ist eine gute, denn wir folgen dem Willen Gottes. Mord, Folter, Krieg und Okkupation wird so gerechtfertigt. Diese Rechtfertigungsschiene ist genau die Goldene Regel. Im Namen des Guten müssen wir euch etwas schlechtes antun, denn es ist für etwas Gutes. Ihr müsstet es auch mit uns so machen, wenn wir etwas schlechtes tun würden, denn das ist Gottes Wille. Man will also wirklich, dass einem das zugefügt wird, was man den anderen zufügt. Man ist sich eben nur sicher, dass man selbst dem Willen Gottes folgt und die anderen nicht.

Die Regel ist nicht zu gebrauchen. „Was Du nicht willst, was man Dir tut, das füg‘ auch keinem and’ren zu“ ist gefährlich, da sie eigentlich nichts regelt und so scheinbar jegliche Argumentation rechtfertigt.

Sie wird zudem oftmals mit dem kategorischen Imperativ Kants verwechselt, aber diese beiden Imperative haben nichts, ich wiederhole nichts miteinander zu tun. Kants kategorischer Imperativ wurde in vielen verschiedenen Versionen von ihm aufgestellt um die Grundlage deutlich zu machen. Bei einigen Formulierungen ist die Ähnlichkeit ohne den Kontext, in dem sie stehen, wirklich hoch, so bei diesem:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Es scheint, als wollten dieser kategorische Imperativ und die Goldene Regel das Selbe, doch wenn man noch eine weitere Formulierung Kants hinzuzieht, wird klarer, dass dem nicht so ist:

„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“

Kant nimmt eine Unterscheidung von Wille und Motivation zu einer Handlung vor, die die Goldene Regel nicht macht, die aber entscheidend ist. Ein Kriterium ist unter anderen, das der zweiten Formulierung, dass Menschen nicht bloß als Mittel, sondern immer auch als Zweck zu sehen und behandeln sind. Damit fallen die fundamentalistischen Argumentation raus, denn dort sind die Opfer immer nur Mittel zu einem höheren Zweck. Unzulässig. Wenn der Mensch nicht zugleich Zweck ist, kann der Wille nicht auf eine gute Art und Weise wollen. Wenn er aber nicht auf eine gute Art und Weise will, kann er nicht als allgemeines Gesetz gewollt werden. Obwohl ich auch mit schlechtem Willen wollen könnte, dass es mir andere zufügen. Das aber kann nicht allgemeines Gesetz werden, es wird sich logisch widersprechen.

Die Goldene Regel ist Unfug, gefährlich und sollte so schnell es geht verschwinden aus unseren Köpfen. Sie richtet Unheil an und gibt Menschen Argumentationspotential, die nicht argumentieren wollen, sondern ihren Willen durchsetzen, auch wenn sie meinetwegen glauben mögen, dieser Wille sei von dem Dude da oben. Demhingegen kann auch nicht vom kategorischen Imperativ als Allheilmittel ausgegangen werden, aber er hilft uns die Struktur der goldenen Regel zu widerlegen.

Kommentare

Aus dem Sichtwinkel habe ich das noch gar nicht betrachtet. Ich habe Deinen Artikel darum mal unter meinem verlinkt, weil er wirklich die passende Fortsetzungslektüre dafür ist.

mal überlegt das die goldene regel gar nicht so ausgelegt werden muss? Nicht zuletzt sagte der amerikanische Philosoph Singer bzgl. der goldenen Regel „B has got, not to imagine himself in A’s situation with his OWN (B’s) likes and dislikes, but to imagine himself in A’s situation with A’s likes and dislikes“…

[…] ein weiterer Fall: Wie sehr ich mich darüber aufregen konnte, dass man die goldene Regel und den kategorischen Imperativ vertauschen konnte und dies auch noch in der Wikipedia getan wurde. So wie dieser schlichtweg […]