Wissen Macht Medien

Ich habe gerade ein Interview im Tagesspiegel mit dem Darmstädter Soziologen Michael Hartmann gelesen, der seinen Schwerpunkt auf die Erforschung von Eliten setzt. Mir ist dabei eine Textstelle besonders ins Auge gefallen. Hartmann antwortet auf die Aussage des Interviewers, dass Spitzenmanager mehr leisten, mehr Steuern zahlen und immer die Gefahr bestünde, dass sie abwandern:

Dieses Legitimationsmuster hält keiner empirischen Überprüfung stand. Deutsche Topmanager können nicht einfach ins Ausland gehen. Es gibt keinen internationalen Markt für Spitzenkräfte. Nur neun von 100 deutschen Spitzenmanagern sind Ausländer, vor allem Österreicher und Schweizer. In Frankreich und Japan ist es jeweils einer. In den USA sind es fünf. Dennoch wird das Argument gebetsmühlenartig wiederholt. Quelle Tagesspiegel

Ich möchte dies nicht nutzen einen weiteren Knüppelschlag gegen die so genannten Eliten zu führen, auch wenn ich meine, sie haben es nicht erst durch den Liechtensteiner Skandal der massenhaften Steuerhinterziehung verdient. Vielmehr habe ich diese Legitimation der astronomischen Gehälter von Managern bisher für richtig gehalten. Diese Gehälter werden gerne von denjenigen, die sie beziehen, durch einen Vergleich legitimiert: Fußballspieler verdienen auch riesige Summen und dort fände das niemand ungerecht, schließlich will man auch in der Bundesliga mal einem Ribery, Diego oder Toni beim Zaubern zusehen. Wenn Bayern, Bremen oder Schalke nicht so viel Geld auf den Tisch legen würden, dann spielen diese Weltstars eben in England, Italien oder Spanien.

Doch wenn man Hartmann glauben schenken will, dann ist dieser Vergleich so falsch, wie unaufrichtig. Hier geben sich Manager einen Marktwert, den sie empirisch nicht bestätigen können. Wenn es keinen globalen Managermarkt gibt, dann muss anderes dahinter stecken, dass Unternehmen bereit sind, ihren höchsten Angestellten so viel Geld zu bezahlen. Da ich jetzt keine Spekulation anstellen will, was Unternehmen scheinbar unökonomisch handeln lässt und wie viel persönliche Seilschaften dabei eine Rolle spielen, konzentriere ich mich auf das Wissen, was scheinbar in der Gesellschaft verankert, aber falsch ist.

Dieses Ammenmärchen habe ich die letzten Jahre geglaubt. Ich hätte es wohl auch noch weitere Jahre geglaubt, wenn mir dieses Interview nicht in die Hände gefallen wäre. Ich habe es vorher als Wissen betrachtet, habe es jetzt aktualisiert und werde es nicht mehr als Wissen ausweisen, sondern, wann immer ich dieses Argument hören werde, als falsches Wissen zurückweisen. Doch mit welchem Recht werde ich dies tun können?

Hartmann spricht davon, dass die Abwanderungsgefahr der Spitzenmanager empirisch nicht haltbar sei. Er gibt Zahlen an, die darauf hinweisen, dass Spitzenmanager nicht abwandern. Doch ist es dadurch schon schlüssig? Nein, denn es könnte durchaus von den Unternehmen argumentiert werden, dass die empirischen Zahlen nur deshalb zustande kommen, weil sie die Manager ja halten: mit Spitzengehältern. Wer kann dann dem jeweils anderen nachweisen, was richtig ist? Wir gelangen zur Frage nach dem Huhn und dem Ei. Dies ist eine Sackgasse für den Laien, der einfach nicht gut genug mit der relevanten Materie vertraut ist, um Huhn und Ei voneinander zu trennen.

Wir leben in einer Laiendemokratie und müssen bei jeder Wahl erneut entscheiden, was wir nicht entscheiden können, weil wir durch falsche Informationen geleitet werden. Wir sind vielleicht in zwei bis drei Gebieten in der Lage uns eine qualifizierte Meinung zu bilden. In den meisten Entscheidungen, die wir demokratisch treffen sollen, können wir nur irgendeine Meinung haben. Aus Gemeinplätzen bilden wir uns mehr oder weniger scharfsinnige Erklärungen für die Meinung zu einem Thema. Aber liegt das daran, dass wir zu dumm sind? Ich denke nicht.

Ich denke indes, dass wir nicht genug informiert werden bzw. nicht richtig informiert werden. Die Vermittlung zwischen Politik und dem Bürger ist zum einen die Aufgabe der Politik selbst, aber vor allem die Aufgabe der Medien. Zeitung, Magazine, Fernsehen und Hörfunk sind nicht von Gesetz und Gesellschaft mit einer enormen Rechts- und Machtfülle ausgestattet um horrende viel Geld zu verdienen, sondern um die Informations- und Machtungleichheit zwischen Politik und Bürger auszugleichen. Sicherlich will ihnen niemand verbieten auch weiterhin die Leute mit Big Brother Staffel 99 zu voyeurisieren, aber es nervt mich langsam, dass die Qualität nach Leserzahlen und Einschaltquoten immer weiter gesenkt wird. Die Öffentlichen könnten das doch machen, ist eines der gern hervorgebrachten Argumente, wenn es darum geht, eben nicht die gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Aber dabei wird nicht nur vergessen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender „nur“ deshalb so viel Geld bekommen, um überhaupt einen Grundstock von unabhängiger Berichterstattung zu garantieren. Das sagt noch nichts über die Verantwortung aus, die alle Medien tragen, so sie sich auf die Pressefreiheit stützen. Keine Freiheit ohne Verantwortung.

Es wird sich gerade unter den Eliten des Landes darüber aufgeregt, dass die Herde Volk so dumm sei. Aber wie sollen sie denn auch an politische Informationen kommen, wenn die Zeitungen voll von Debatten sind, ob Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden ist, weil sie jetzt die Haare schön hat , ob Innenminister Schäuble deshalb so viel Sicherheit will, weil er vor einigen Jahren einem Messerattentat zum Opfer gefallen ist. Warum gehen die ach so intelligenten Eliten denn nicht besser mit ihrem Informationsauftrag um und fragen sich ob es richtig zu finden ist, was Schäuble da macht, ob vielleicht Angela Merkel ein bürgernäheres Wahlprogramm hatte. Diese Psychologisierung der Wahlkampfberichterstattung ist wahrlich auf ein dummes Volk zurechtgeschnitten, das sich nicht die Mühe machen will, Politik zu verstehen und deshlab lieber nach Sympathie und neuen Haaren wählt. Aber wiederum sind wir bei der Frage nach dem Ei und dem Huhn angekommen. Ist das Volk dumm oder wird es verdummt?

Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass sich Wähler durch Frisuren und eloquentes Auftreten beim Wählen beeinflussen lassen. Es ist aber genauso wenig von der Hand zu weisen, dass ein Volk, das in einer so ausgeprägten Informationsgesellschaft lebt, noch viel stärker durch Medien beeinflusst wird.

Verkauft uns nicht immer für dumm und wedelt abwehrend mit den Händen, irgendwas von Konsumenten schwafelnd, die das doch nur so wollen. Der Markt regelt sich durch Angebot und Nachfrage, nicht allein durch Einschaltquoten, Verkaufs- und Abonnementenzahlen. Das ist eindimensional und eben genau das, was ihr dem ach so dummen Volk vorwerft.