Wir leben Online

Gerade im geisteswissenschaftlichen, dem Buch noch verbundenen, Milieu stoßen einige meiner Thesen immer wieder auf Unverständnis. So auch meine These, dass sich immer mehr „Leben“ Online im Internet abspielen wird. Dass sich die Gesellschaft und vor allem die Struktur der Gesellschaft, die wir Informationsgesellschaft nennen, immer mehr ins Netz verlegt. Nicht allein, aber noch hauptsächlich zur Informationsbeschaffung. Damit meine ich nicht nur den reinen Newskonsum, sondern auch die Filmchen auf Youtupe und Youporn, die Witze im Nachbarschaftsforum, die Zitate, Esoterik- und Gesundheitstipps, die Fett-Beine-Po-Übungen als Pdcast und vieles mehr. Diesen Trend können wir seit einigen Jahren beschreiben, soweit nichts neues. Dem würde sicher auch noch ein jeder meiner Leser zustimmen können, partizipiert er doch gerade mit dem Lesen dieses Textes an genau diesem digitalen Informationsprozess.

Doch meine stärkere These wird meistens nicht mitgetragen: dass die Informationsgesellschaft, die sich immer mehr und bald sicher hauptsächlich, Online abspielt, sich ausdehnt auf alle Bereiche der Gesellschaft und die schier unendliche Informationsgewalt des Internets nur der Vorbote dafür ist, dass sich Gesellschaft mittlerweile als Ganzes Online abspielt. Damit meine ich nicht, dass wir nur noch digital Leben. Ich meine aber, dass digitale Identitäten sich nicht mehr zwangsläufig von „realen“ Identitäten unterscheiden. Stichwort: digitale Reputation. So anonym wir uns auch fühlen im Netz und meinen, deshalb Rollen annehmen zu können, die wir „real“ aufgrund wie auch immer gestrickter Konventionen nicht ausleben, unterdrücken oder schlicht nicht in dem Maße anwenden, wie viele dies Online tun. Dass sich dieses massenhafte Verhalten auf die Gesellschaft und deren Konventionen zurückwirken muss, ist aber sicher keine starke These. So sich Verhaltensweisen sehr Vieler ändert, werden sich Konventionen ändern.

Es hängt also an der Anonymität und was passieren wird, wenn diese nicht mehr einfach angenommen wird, sobald man sich ins Internet begibt. Darauf hinzuweisen, wie viele Spuren ein jeder von uns im Netz hinterlässt ist müßig, da haben andere (z.B. das stillgelegte Projekt get privacy) sich schon die Finger wund geschrieben. Was passiert, wenn das sich in den Köpfen derer festsetzt, die ihre vermeintliche Anonymität im Netz ausleben, darüber lässt sich nur spekulieren. In der letzten Zeit werden aber immer mehr Fälle bekannt, wo genau dieses verhalten im Netz auf das reale Leben zurückwirken. So wurde jetzt beispielsweise der Geschäftsführer des CDU-Kreisverbandes Schwalm-Eder Thomas Müller seines Amtes enthoben, weil er im Studentennetzwerk StudiVZ in folgenden Gruppen Mitglied war, die als politisch nicht akzeptabel aufgefasst wurden:

  • Nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten
  • Krieg ist scheiße, aber der Sound ist geil
  • Brot für die Welt – Fleisch für mich
  • Wär’ ich Kreuzritter gewesen, hätten wir Jerusalem noch

Onlineverhalten wirkt also direkt auf reale Identität, wird als zur Persönlichkeit zugehörig betrachtet und gewertet. Allerdings nicht nur in skandalöser Art und Weise, sondern durchaus auch positiv. So werden engagierte Beförderer z.B. wichtiger Open Source Projekte eben als Förderer des Gemeinwohls wahrgenommen und gewürdigt (als Beispiel mag Jimmy Wales dienen, der Begründer der Wikipedia). Oder nehmen wir als Beispiel den Chaos Computer Club, der gerade in letzter Zeit im Verlauf der öffentlichen Diskussion um Vorratsdatenspeicherung vermehrt in Medien als Kompetenzorgan und unabhängiger Expertenrat angerufen wird. Nicht, dass der CCC rein auf das Internet beschränkt arbeitet, aber durch dieses eben doch hauptsächlich die Aufmerksamkeit generiert und bekommen hat, die ihm die Funktion des Sprachrohrs im Falle der Vorratsdatenspeicherung hat zukommen lassen. Das liegt auch und meiner Meinung nach vor allem an einer ungemein positiven Reputation dieses Clubs und vieler Einzelpersonen innerhalb des CCC, der über Jahre aufgebaut wurde und das eben Online.

Wir werden uns also in Zukunft mit dem Thema beschäftigen müssen. Sowohl als Individuen, als auch als Gesellschaft. Das Internet ist kein von der Gesellschaft abgeschotteter Raum mehr. Wir müssen uns jeder einzeln dazu verhalten, dass ein neuer gesellschaftlicher Raum entsteht, über den wir nicht viel wissen, der Gefahren und Chancen bietet, von denen wir nicht viel wissen. Ein Raum, der uns Freiheit und Einschränkung gleichermaßen bietet und zu dem wir uns auch so verhalten müssen, dass wir uns in ihn einleben und uns das Internet und seine Funktionsweisen, Möglichkeiten und Risiken bewusst machen. Doch diese Aufgaben sind keineswegs nur Aufgaben, die sich an das Individuum stellen, sondern zugleich eine Aufgabe an die Gesellschaft, sich über ihren Wertekanon bewusst zu werden und diesen anzupassen. Das dies sicherlich passiert und in Zukunft verstärkt passieren wird, nimmt uns nämlich keineswegs die Verantwortung, sondern verstärkt diese.

Es stellen sich also Fragen um die Entwicklung und wie wir auf diese reagieren und diese mitgestalten. Das Internet als eine Plattform anzunehmen, das Raum zur Gestaltung bietet und nicht als unversteh- und unveränderbar uns gegenübertritt. Das zu verinnerlichen und anzuwenden könnte eine der wichtigsten Aufgaben an Gesellschaft und deren Mitglieder jetzt zu Anfang des neuen Jahrtausends sein, auch wenn ich mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen will. Es gilt die Informationsflut und -wut zu nutzen und so einen großen Teil gesellschaftlicher Ungleichverteilung abzubauen: Wissen- und Informationsdefizite.

Ich hoffe, dass eine Diskussion über diesen eher in das Thema einführenden Artikel folgende Diskussionen und Fragen fruchtbar macht.