Hollywood wird gemeinhin mit schnulzigen Filmen verbunden, die vor Patriotismus und christlich-amerikanischen Werten nur so triefen. Happy End mit unübersehbarer Moralkeule, eingewunden in das Gewand der Romantik oder den Heldenepos des metaphysischen Kriegshelden in Gestalt eines leidenden Soldaten, der sich für seine Einheit, sein Land und die Freiheit opfert. So ist Hollywood und so wird es immer sein, mag man vermuten, wenn man nur zum Popcornfuttern ins Kino geht. Nicht vergleichbar mit dem deutschen oder gar dem französischen Film.

Doch das ist eine zu einseitige Betrachtung und gerade der unter Filmliebhabern meiner Generation verehrte Quentin Tarantino zeigt eine andere Seite des Massenkinos aus Amerika auf. Brutal, subjektiv, relativ und vor allem blutig sind Tarantinos Filme. Moralisch durchwässert, aber nicht überflutet. Tarantinos Helden sind der Albtraum des konservativen Wertekanons: Drogen steigern die subjektive Empfindung und postmodern gebildet weiß der Junkie um den Wert des nächsten Trips. Ein anderes Leben zählt nur so lange etwas, wie es das eigene fördert. Tarantinos Filme aber hier als moraltheoretischen Tod zu erhöhen, steht mir fern, mir geht es um den Nihilismus im modern-amerikanischen Kino.

Gangster, Loser und skrupellose Dollar-Brillen-Träger sind die Vorstellung des Übermenschen, dem Mitleid nur ein Hindernis ist, dass es demonstrativ brutal wegzuwischen gilt. Muskeln und Waffen ersetzen die Diskussion und je spärlicher sich der Anti-Held artikuliert umso sympathischer ist er dem matrixmanteltragenden Filmphilosophen, der sogar seine Oma verkaufen würde, um nur endlich nicht mehr an sich selbst glauben zu müssen.

Doch wie weit ist es wirklich mit dem nihilistischen Gedankengut aus Hollywood? Findet hier wirklich mal eine Auseinandersetzung statt, wenn auch praktisch orientiert, also handelnd, oder ist hier nur die Übertreibung der Untertreibung gewichen?

Der Klassiker Scarface ist momentan mit anderer Geschichte und anderen Schauspielern, von einem anderen Regisseur und einer anderen Produktionsfirma noch einmal ins Kino gebracht worden: American Gangster. Stumpf, brutal und werteraubend soll er für feuchte Träume des postmodernen Nihilisten sorgen, versagt aber schon an seinem Anspruch. Statt einen Nihilisten par excellence (Al Pacino) für sich spielen zu lassen, steckt man Charakterschauspieler in ein Korsett aus trockenen Sprüchen und sizilianisch angehauchter Mafiaromantik. Der beruflich loyale Polizist, der sich nicht mal um seinen eigenen Sohn kümmern kann und der familiäre Gangsterheld, der sich um seine Konkurrenten auf ebenso brutal wie beiläufige Art und Weise kümmert. Beide ohne klare Werte, beide keine Nihilisten und selbst für den postmodernen Menschen zu emphatisch aufgebläht.

Scarface ist Nietzsche ohne Reime, American Gangster wie Matrix ohne Neo. Nicht, dass man sich nicht auch Matrix ohne all die Heilsversprechen vorstellen und in American Gangster einen schönen Abend haben könnte, aber die Gänsehaut des gelebten Nihilismus bleibt aus und es bleibt nur ein Staubfilm auf platonischen Werten zurück, die danach schreien im sonst so epischen Pathos Hollywoods endlich wieder poliert zu werden.

 

 

3. Dezember 2007