Generation Google

Auf einer Konferenz zur Koordination der Institutshomepages an unserer Uni, auf der ich gestern war, wurde über eine bessere Zielgruppenorientierung der Institutsseiten gesprochen. Die Seiten sollen besser und einheitlicher strukturiert werden, um sowohl Studenten, als auch Studieninteressierten eine leichtere Orientierung und Navigierung zu den wichtigsten Informationen zu ermöglichen. Ich will euch nicht mit Details langweilen, sondern auf einen speziellen Punkt eingehen, der mir sowohl internetspezifisch, als auch soziologisch interessant erscheint.

Ich habe nach einigem Debattieren über die gemeinsame Strukturierung eingewandt, dass der Internetnutzer meiner Generation sucht, und nicht geführt werden möchte. „Er sucht“ ist hier in einem ganz speziellen Fall gemeint und bezieht sich kaum noch auf die Webseitenstrukturen. Der Nutzer von Heute sucht auf die Art und Weise, wie er es gewohnt ist. Gewohnt ist er Google. Wir sind die Generation Google. Wir wollen einen einfachen, übersichtlichen Suchschlitzin den wir unsere Stichwörter eingeben. Danach wollen wir relevante Inhalte zu diesen Stichwörtern. Bekommen wir diese nicht spätestens nach 20 Vorschlägen, werden noch ein paar andere Suchwortvarianten ausprobiert und sollten diese auch nicht zur gewünschten Informationsbefriedigung führen, werden wir annehmen, dass diese Informationen nicht vorhanden sind.

Was nicht bei Google ist, das ist nicht.

Nach diesem überspitztem Motto scheinen unglaublich viele Nutzer unterwegs zu sein und das auch nicht nur im virtuellen Leben. Das Informationsbeschaffungsverhalten scheint sich drastisch verändert zu haben. Oder hat noch jemand einen Fahrplan der Bahn Zuhause? Ein Telefonbuch, wann das letzte Mal benutzt? Mit der Straßenkarte seine Reiseroute zusammen gestellt? Rhetorische Fragen. Die Grundtendenz bleibt. Informationen werden virtuell und Google ist das Werkzeug der Beschaffung. Google bietet vom Routenplaner, über die Adresse und Telefonnummer des nächstgelegenen Friseurs, bis zum Lebenslauf der Arbeitsbekanntschaft alles an, was wir an Informationen im täglichen Leben zu brauchen meinen. News, Bücherarchivierung und Sozialverhalten in Communities wie Orkud inklusive. Google wird oder ist schon lange Teil unseres Lebens, so unvermeidbar wichtig wie ein Mobiltelefon.

Diese Art der Informationsbeschaffung schränkt allerdings unsere Informationsquellen extrem ein. Nicht beim Routenplaner oder dem Telefonbuch, sondern bei „Informationen“, die wir uns durch eigenständiges Denken „beschaffen“ müssen. Ich führe nun seit einigen Jahren schon Internetseiten und kann auch sehen, über welche Suchwörter Menschen auf meine Seite kommen, was zum Teil wirklich erschreckend ist. „Wie mache ich mit ihr am besten Schluss“ oder „Welchen Sinn macht mein Leben“ sind keine Seltenheit mehr, meine Statistiken sind voll von solchen oder anderen Fragen ähnlichen Kalibers.

Man könnte meinen, die Menschen würden sich von Google die Welt erklären lassen und sich ihres eigenen Verstandes nicht mehr bedienen wollen. Selbst grundlegende Fragen des Lebens sollen fremdbeantwortet werden.

Man kann sicher einwenden, dass dies auch schon vor der Generation Google der Fall war und erst jetzt wirklich deutlich wird. Aber das wäre wohl zu kurz gegriffen. Das Netz wird zum Zuhause und der erste Ansprechpartner ist der vertraute Freund Google. Dieses befremdliche Verhalten und dessen Auswirkungen sind sicher nicht zu unterschätzen – bei gleichzeitiger Anerkennung der ungemeinen Vorteile, die eine Digitalisierung von Informationen mit sich bringt.

Dieses Verhalten muss registriert und umgesetzt werden, will man eine benutzerfreundliche Internetseite gestalten. Vor allem wenn man ein so reges Interesse an einer guten Informationslage hat, wie meine Universität. Die Suche der Uniseiten ist grausam und selbst für nicht schon durch Google verwöhnte Nutzer unbrauchbar. Gute Strukturen für den Aufbau sind immer noch eine sehr wichtige Komponente für eine erfolgreiche Seite, aber es muss eine Suche mit angeboten werden, will man nicht Google die Kontrolle über den Suchenden komplett abgeben. Brauche ich Informationen zu einer bestimmten Studienordnung und finde diese nicht auf Anhieb im Institut, nutze ich die Suche. Finde ich nichts, nutze ich Google. Ein Verlust für die Uniseite, denn sie kann die Anforderungen des Nutzers nicht erfüllen, obwohl die Prüfungsordnung sicher irgendwo Online ist. Ganz schlimm wird es dann, wenn auch Google nichts findet, denn dann geht der Nutzer davon aus, dass diese Studienordnung nicht existiert.

Sie existiert, aber weder die Strukturierung hat den Nutzer dahingeführt, noch die interne Suche, noch die Google-Suche. Der Nutzer ist aber gewöhnt zu finden, was er bei Google eingibt und bedenkt nicht, dass Google keineswegs eine perfekte Suchmaschine ist, die noch lange nicht semantisch vorgeht, sondern eine ungemein fehlbare Maschine.

Die Fehlbarkeit des Menschen wird auf eine Maschine abgewälz. Nicht zum Toasten von Brot, zur Bewegung von A nach B oder zur Produktion von gefährlichen Substanzen, sondern beim Menschen-eigensten Vorgang: der Informationsbeschaffung, der Neugierde.