Ihr habt es in der Hand!

Heute titelt Spiegel Online „Zahlreiche Muslime in Deutschland sind gewaltbereit“ und erfüllt unserem Innenminister den Wunsch, die Angst vor Muslimen weiter zu schüren. Dass im Artikel die Aussage soweit relativiert wird, dass die Überschrift geradezu grotesk wirkt, ist typisch fürs Boulevard, erreicht aber eben auch immer mehr die „seriösen“ Medien. Man könnte z.B. einfach fragen, was denn „zahlreich“ hier bedeutet und erfährt dann, dass 6 Prozent der Muslime in Deutschland gewaltbereit sind. Das bedeutet hier zahlreich. Also wenig bis nichts. Frag mal bitte, wie viel Prozent der Deutschen gewaltbereit sind. Oder der nicht-muslimischen, aber auch nicht-integrierten Ausländer in Deutschland. Frag mal im studentischen Milieu nach, wie viele da wohl gewaltbereit sind, frag mal Fußballfans. Ich denke, dass 6 Prozent verdammt wenig ist. Wolfgang Schäuble sieht darin eine Terrorgefahr, ein „ernstzunehmendes islamistisches Radikalisierungspotential“. Aha.

Wie kommt er dazu? Nun, man muss noch mit einkalkulieren, dass immerhin 14 Prozent der Befragten Muslime mit der Demokratie nicht so recht warm werden wollen. Frag mal Studenten, was die so insgesamt von Demokratie halten. Frag mal Innenminister, was die vom Grundpfeiler unserer Demokratie halten: dem Grundgesetz. Wetten, da würden weit höhere Zahlen von nicht ganz warm mit der Demokratie Gewordenen herauskommen. Was soll das also? Warum ausgrenzen und Sündenböcke erschaffen, auf die die Angst und der Hass projeziert werden kann?

Es scheint ja wirklich nötig eine Terrorgefahr, eine fundamentalistische Gefahr herbeizureden. Kann es sein, dass wir einfach nicht bedroht sind, dass Deutschland keiner so richtig ans Leder will? Kann es sein, dass Terrorgefahr zwar immer besteht, aber unser lieber Herr Schily sich schon vergaloppiert hat und der werte Herr Schäuble da gerne noch einen drauf setzen würde, aber einfach kein Material vorhanden ist, um mal so richtig auf die Kacke hauen zu können. Mit Online-, Offline- und überhaupt Überwachung? Kann es sein, dass Gefahr ein so dehnbarer Begriff ist, dass sie einfach nur da ist, wenn jemand Angst hat? Kann es sein, dass Gefahr hier leichtfertig geschürt wird, indem die Bevölkerung mit Angst-Propaganda zugeschüttet wird?

Es reicht mir langsam und ich fordere von den Medien diese, aus meiner Perspektive wirklich gefährliche, Angstprovokation in der Bevölkerung nicht mehr mitzumachen, auch wenn sich damit gute Auflagen und Klickzahlen erreichen lassen. Warum bitte titelt Spiegel Online nicht, dass die neue Studie des Bundesinnenministeriums mal wieder eine Verschwendung von Steuergelder ist, weil sie nichts zeigt. Warum nimmt Spiegel Online die Studie nicht auseinander und weist dem Innenminister seinen Platz zu: in der Smollecke der Sicherheits-Fundamentalisten. Warum bietet sie ihm eine Plattform, um diese Angst zu verbreiten, die Spiegel Online selbst für ungerechtfertigt hält, wie ein genaues Lesen des ganzen Artikels zeigt.

„Der Kultur- und Sozialanthropologe Werner Schiffauer sagte dem Blatt, die Hamburger Studie komme auch zu dem Schluss, dass demokratiefeindliche Einstellungen bei nicht-muslimischen Deutschen etwa ebenso häufig anzutreffen seien.“

Warum steht das am Ende des Artikels und kommt nicht in die Überschrift, die dieser Aussage entgegensteht? Warum nicht?

Viele Menschen werden nur die Überschrift lesen und sie werden ein wenig mehr Angst bekommen. Viele Menschen werden auch nur den Anreißer lesen und da steht eben etwas Falsches drin. Spiegel Online weiß das und weiß auch, dass Schreckensmeldungen eben besser ankommen, als die Richtigstellung einer Aussage unseres Innenministers. Aber verdammt noch mal, ihr habt vom Grundgesetz einen Auftrag bekommen und ich verlange, dass dieser im Vordergrund steht, ich verlange, dass Propaganda der Regierung von euch überprüft wird. Das Recht, was euch als Presse zugedacht ist, ist auch eine Verpflichtung. Eine Verantwortung und eine sehr wichtige.

Übertrieben mag mein Artikel erscheinen, als hätte ich mich in Rage geschrieben und sicher habe ich mich vergaloppiert. Aber ich habe keine Lust jetzt hundert ähnliche Artikel anzuführen und auseinander zu nehmen, um euch zu zeigen, wie oft der Verpflichtung nicht nachgegangen wird. Wühlt euch mal ins Archiv des Spiegel Watchblogs „Spiegelkritik“ und ihr werdet fündig. Dabei bedenkt, dass Spiegel nicht alleine ist. Im Folgenden die Überschriften und Anreißer der weiteren großen Onlinemedien:

Der Islam und die Gewalt
Rund ein Viertel der in Deutschland lebenden Muslime ist zu Gewalttaten gegen Andersgläubige bereit. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Innenminister Schäuble in Auftrag gegeben hat.“ Sueddeutsche

Viele junge Muslime gewaltbereit
Ein Viertel der in Deutschland lebenden Muslime ist gewaltbereit. Dies ist das Ergebnis einer Studie des Innenministeriums. Zwölf Prozent der Muslime befürworten demnach die Todestrafe. Viele sind zudem demokratiefeindlich – doch diese Einstellung gibt es im selben Maß auch bei Deutschen.“ Stern

Viele junge Muslime neigen zur Gewalt
Jeder vierte junge Muslim in Deutschland ist laut einer von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in Auftrag gegebenen Studie zu Gewalt gegen Andersgläubige bereit. 40 Prozent seien „fundamental orientiert“.“ Focus

Muslime als Sprengsatz in der Gesellschaft
Seit Jahren reden wir über Integration. Jetzt kommt eine neue Studie zu dem erschreckenden Ergebnis: Junge Muslime sind auffällig gewaltbereit. Und ihr Zorn richtet sich gegen die westliche Gesellschaft.“ Welt

Dass es doch noch Journalisten gibt, die Argenturmeldungen nicht einfach übernehmen und sich überbieten wollen mit reißerischen Überschriften, zeigt die Zeit im lesenswerten Artikel zur Studie des innenministeriums. Auch wenn der Titel den Blödsinn vermuten lässt, wie hier vorgestellt: Islamisten-Alarm.

Ein weitere Blogbeitrag, der in diese Richtung geht habe ich beim Skepticker gefunden, der fragt, wie viele junge Muslime neigen zur Gewalt? Dort kann man auch die Studie als PDF herunterladen.

 

20. Dezember 2007

Kommentare

Müsstest du die ZEIT nach deiner Argumentation nicht viel härter kritisieren als Spiegel-Online? Du schreibst: „Viele Menschen werden nur die Überschrift lesen und sie werden ein wenig mehr Angst bekommen.“ – Was würden wohl empfindliche und lesefaule Gemüter zu einer Überschrift wie „Islamisten-Alarm“ sagen?

Ich finde nicht dass 6% wenig sind. Bei etwa 3 Millionen Moslems sind das immerhin 180000 gewaltbereite Personen. Ich denke allerdings das Jugendkriminalität und arabische Jugendbanden ein weitaus größeres Problem darstellen als Terroristen. Wie auch immer, Zahlen hin oder her, im Großen und Ganzen stimme ich dir zu.

Obwohl die Kriminalitätsrate in Deutschland in fast allen Bereichen sinkt, steigt das Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung. Eine reißerische Berichterstattung im Privatfernsehen und in der Boulevardpresse, zunehmend auch in „seriösen“ Medien ist nicht nur in Sachen Terrorismus, sondern allgemein wenn es um Kriminalität geht, mehr die Regel als eine Ausnahme. Das „gefühlte“ Verbrechen hat eben nur sehr wenig mit der Realität zu tun.

Ich meine der beste Schutz gegen islamistische Terroranschläge ist es, nicht an der Seite der USA den Hilfssheriff zu spielen (Afghanistan). Allzu gerne werden Ursachen ausgeblendet, wie mir scheint. Man geht einfach von einer diffusen Gefahr aus ohne sich zu Fragen a) gibt es diese Gefahr und wenn ja wie groß ist sie? b) Wenn es eine solche Gefahr gibt, wäre es nicht ratsamer die Ursachen für diese zu suchen als die Symptome zu lindern.

Viele Menschen scheinen zu glauben Attentäter verüben Anschläge aus Spaß oder weil sie so durch und durch böse sind. Schwarz und weiß Malerei ist eben bequemer als ein Problem bis zu seinen Anfängen abzurollen.
Möglicherweise lässt sich ein verängstigtes Volk auch einfach besser beherrschen und kontrollieren.

Noch kurz zu deiner Bemerkung was die Studenten betrifft. Ich glaube die Allermeisten sind „gute“ Demokraten. Die Ablehnung der Demokratie bei Muslimen dürfte wohl eher praktische Gründe haben (fehlende Integration, fehlende Bildung, unzufriedenheit mit ihrer Lebenssumständen, Arbeitslosigkeit usw.) als dass sie das Ergebnis einer systemtheoretischen Betrachtung wäre.

Papageno, du hast Recht und die Kritik ist auch auf die Zeitüberschrift zu übertragen, allerdings geht schon aus dem Anreißer von Gestern hervor, dass die Aussagen des Innenministers mit Vorsicht zu genießen sind, weil vergleichbare Zahlen bei Deutschen genauso vorkommen. Zudem setzt sich der ganze Artikel einigermaßen differenziert mit der Studie auseinander.

Wowik, ich stimme dir zu, dass erstmal 6 % kein Grund zur Freude sind. Aber man muss eben auch schauen, wie diese Gewaltbereitschaft in der Studie interpretiert wird. Was heißt gewaltaffin und zwar nicht im tief-philosophischen Sinne, sondern ganz konkret in der Studie. Welche Antworten werden einer gewaltaffinen Person zugeordnet.

Worauf ich aber im Artikel verwiesen habe, ist dass mir 6% keine schlaflosen Nächte bereiten, wenn ich sehe, dass das Durschnitsswerte in der gesamten Gesellschaft sind. Oder wirst du andauernd zum Opfer von Gewalt, weil angeblich fast jeder 10. in Deutschland gewaltaffin ist? Das soll natürlich nicht bedeuten, dass ich 6 % Gewaltaffine gut finden würde, oder in die Natur des Menschen verlagern würde, sondern es zeigt vor allem, dass sich unser Innenminister gerade einen Sündenbock hochstilisiert. Und das halte ich nicht nur für gefährlich, sondern für absolut ignorant, der Geschichte und der ihm geschenken Verantwortung als Innenminister gegenüber. Selbst 6% mehr muslimische Gewaltaffine würden eine solche Ausgrenzung nicht rechtfertigen. Was auch wiederum nicht bedeuten soll, dass man solche Themen anstatt sie anzugehen unter den Teppich kehren sollte. Es ist wichtig, dass in unserer Gesellschaft über Gewalt und Sicherheit gesprochen wird. Aber doch nicht in Form solcher Propaganda!

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