Ich habe bisher kaum über Tschechien und mein Jahr Zivildienst in Ostrava geschrieben. Bis auf meine Berichte, die ich für Freunde, Bekannte und meine Förderer geschrieben habe, ist nur ein Artikel für meine Organisation ASF entstanden. Ich hätte so viel zu erzählen und sovieles wäre bedenkenstwert. Tschechien ist nicht so sonderlich anders als Deutschland und doch ganz verschieden. Dennoch weiß ich nie wo ich beginnen soll oder enden. Alles ist noch so nah, dass ich keinen Abstand gewinnen kann, der für eine Reflexion nötig ist.

Tschechien ist zu einer zweiten Heimat geworden, auch wenn solch ein Pathos unangebracht ist und mein Denken nicht wiedergibt. Ich habe meine Freundin, die mit nach Marburg gegangen ist, dort kennen gelernt und deshalb fahre ich wann immer es geht hier runter, nach Tschechien. Auch wenn ich der Sprache noch nicht wirklich mächtig bin, fühle ich mich hier wohl, zumindest genauso wohl, wie in Deutschland.

Es gibt eine Menge komischer Gebräuche, Einstellungen und Perspektiven hier in Tschechien, wie auch in Deutschland. Man gewöhnt sich mit der Zeit daran, seine eigenen Gewohnheiten anzupassen. Hinterfragen ist nicht nötig, das geschieht weder in Deutschland, noch in Tschechien. Oder hat sich schon mal irgendwer von euch gefragt, warum wir Deutschen in der Mehrzahl morgens duschen? Die Tschechen jedenfalls duschen abends, wenn es auch Ausnahmen geben mag.

Ich habe oft gehört, dass ein Auslandjahr die Perspektive auf die eigene Kultur schärft und kritischer werden lässt. Man lernt eine andere Art zu leben kennen und kann so mit mehr Abstand die eigene reflektieren. Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Ich will nicht ausschließen, dass viele Menschen diese Erfahrung machen und somit das Auslandsjahr eine Bereicherung dieser Art darstellt. Ich für meinen Teil habe Menschen kennen gelernt, die genauso ihr Leben leben, wie jeder andere auch.

Nicht, dass ein jeder den selben Aktivitäten nachgeht, die selben Meinungen hat, den selben Glauben, die selbe Lebenseinstellung. Aber das Jahr in Tschechien hat mir gezeigt, dass die Grundmotivationen der Menschen überall gleich sind und die sichtbaren unterschiede der Kulturen wohl eher auf die äußeren Einflüsse zurückzuführen sind. Nicht so einfach und plump, wie uns das die Medien in jeder Reisereportage eingehend zu verklickern versuchen. Tschechein, Kommunisten, ein Opa, ein Jugendlicher und schon ist das Bild fertig? Nein, sicherlich nicht.

Menschen freuen sich und lieben, essen, trinken und streben, weinen, hassen, kämpfen, feiern, arbeiten und was weiß ich noch alles. Wetten, dass das auf alle Kulturen zutrifft?

Nichts Neues, wissen wir alle.

Dann ist ja gut und ich brauche keinen weiteren interkulturellen Blog mehr aufzumachen, denn ein Deutsch-Tschechischer Blog reizt mich, auch wenn ich dafür wohl keine Zeit mehr habe.

Das Auseinandersetzen mit anderen Kulturen ist immer ein Gewinn für beide Kulturen, sage ich und widerspreche mir sofort. Es gibt kein von Oben-herab oder Mittendrin. Unsere Sicht ist immer gefärbt und was ich über Tschechien zu sagen habe ist eine Sicht, die ich habe, niemand sonst. Man kann sicher viel von einer Sicht lernen, aber nur, wenn man selbst eine freie Sicht hat, wobei frei nicht absolut zu verstehen ist. Ich könnte euch tausend Vorurteile den Tschechen gegenüber bestätigen oder sie zerreißen, beiderseits mit voller Überzeugung und besten Wissen und Gewissen. Die Frage ist nur, was ihr und ich davon habt?

Ein wirscher Artikel geht zu Ende und ich bin wieder keinen Schritt weitergekommen.

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29. August 2007