Vorurteilsbehaftet lasse ich meinen Gedanken freien Lauf, gewissenhaft und skeptisch gegenüber mir und den ersten Eindrücken. Glücklicherweise hat mein Einführungsprofessor den ökonomischen Gottesbeweis gleich zu Beginn der Vorlesung ins Reich der Sagen verwiesen, sodass ich mir den Zahn des Übel wollenden Gottes nicht blutig selbst ziehen musste.

Keine Einführung ohne geschichtlichen Verlauf und Werdegang der jeweiligen Wissenschaft. Kein Werdegang ohne subjektiv erhöhte Relevanz. Doch die Einordnung ist immer schwierig, wenn man nicht gerade eine Einführung in die Mathematik besucht. Kulturwissenschaft müsse die Betriebswirtschaft genannt werden, weil sich ihr Objekt bewege und deshalb eben mehr Subjekt, denn Objekt sei. Man müsse mit der Schwierigkeit leben, dass die ökonomischen Gesetze eben nur Regeln glichen und nicht so unumstößlich seien, wie die der Physik, der Mathematik oder gar der formalen Logik. Oberflächlich aber dennoch gesunde Grundlage, so schien es mir, entgegen der sonst propagierten absoluten Gesetzmäßigkeit des Marktes.

Ich war wirklich positiv überrascht, denn unser Einführungsprofessor scheint einen gewissen Abstand zur eigenen Zunft der Wirtschaftsweisen zu haben und somit den Unterschied zwischen Grund und Ursache zu kennen. Die Gegenüberstellung zur nun wirklich nicht sonderlich fest gesattelten Naturwissenschaft war zweifelsohne misslungen, eben auch die Physik wandelt sich und das bisweilen stark genug, um an den Gesetzmäßigkeiten wenigstens zweifeln dürfen. Es hat jedoch nicht mein Erstaunen gemindert, gleich in der ersten Vorlesung beim Klassenfeind, positiv überrascht gewesen zu sein, ob der skeptischen Betrachtungsweise, die der Descartschen Idee huldigt. Auch die Verwechselung von Modus Tollens und Modus Barbara konnte meinen Eindruck nicht mehr trüben.

Der Professor führte uns in die Betriebswirtschaftslehre mit einer Warnung ein: Man müsse dem Gequatsche von der Macht des Marktes misstrauen. Viele verstünden nicht nur die Unterscheidung von Grund und Ursache nicht, sondern machten zugleich keinen Unterschied zwischen der kleinsten ökonomischen Zelle, der Familie, die mehr aus Mensch, denn aus Markt besteht, und dem sich selbstregulierenden Markt, dem nur der Preis zu Kopf steigen kann.

Seine Begründung kann ich zwar (noch) nicht überprüfen, hörte sich wohl ganz plausibel an, aber alleine die Tatsache, dass die skeptische Überprüfung der vermittelten Lehrinhalte mit zur Einführung in die Betriebswirtschaftslehre gehört und nicht nur sporadisch mit in der Modulbeschreibung steht, lässt mich weniger zweifeln an der Wahl meiner Exportmodule (das ist das, was mal Nebenfach hieß und jetzt beim Bachelor eben einen anderen tollen Namen bekommen hat).

Aber um doch noch das ein oder andere offensive Vorurteil mit in diesen Text einzubauen, muss ich leider bestätigen, dass in meinem Blickfeld merklich keinen einzigen Studenten diese, mir überaus wichtige Differenzierung, interessiert hat. Ich befürchte, sie werden spätestens in einem halben Semester vergessen haben, dass es überhaupt noch etwas anderes als Markt, Geld und Statussymbolen existiert. Was bin ich froh, dass BWL im Audimax mit gerne 500 Studenten gelehrt wird, wo man einfach untergeht. Klar würde ich da mit meinem weiß glänzenden MacBook und meinem feinen Cordjacket nicht weiter auffallen. Aber ich fürchte, man würde mir am Gesichtsausdruck sonst doch nachweisen können, dass meine Interessen an dem Fach statistische Ausreißer sind. Diese mögen dennoch interessant zu untersuchen sein, immer auf der Jagd nach der perfekten Start-Up Idee. Ich habe mir nämlich sagen lassen, dass Zielgruppenfokussierung in der anonymisierten Masse der Verbraucher immer wichtiger wird.

Oh, wer sich jetzt ein wenig ans Polohemd gerotzt fühlt, der soll die zweite Meditation abwarten, denn ich habe vor den Markt zu erobern. Ideen klaue ich mir genauso dreist, wie die Juristen das Lehrmaterial, bei meinen Kommilitonen zusammen.

Meine beschränkte Sichtweise und angesprochene Inhalte dürfen diskutiert werden, nicht nur von den Professoren der Sorbonne.

16. Oktober 2007