Zehn vor elf in der Nacht. Es ist kalt, aber nicht zu kalt. Die Straßenlaterne flackert und lässt so die Schatten hüpfen. Ziellos hin und her gehend flutet der Bewegungsmelder den Hof mit Licht. Nächte müssen dunkel sein, zwielichtig und grau. Licht stört da nur. Nachts ist das Leben so grau wie der Rauch, der sich schwer und trocken nach jedem Atemzug vor seinen Blick wühlt. Der Wind streicht leicht und eisig über sein ausdrucksloses Gesicht. Ein kleiner Schauer rollt seinen Nacken hinunter. Er ist aber ganz woanders. In einem Film ohne Geschichte. In einer Realität ohne Träume. In einem realen Traum. Das Windspiel klackert hölzern und die Kinderschaukel knarrt. Seine eigene Kindheit frisst ihn auf, denkt er und beißt zurück, zerstört und verbrennt. Zurück bleibt nur das, was er will. Werde, der du bist.  Das halbrenovierte, halb verfallene Nachbarshaus lenkt seinen Blick zurück auf den Hof. Zwei Apfelbäume, die kahl dem Winter strotzen und nur in der Erinnerung Schatten spenden im heißen Sommer, an dem er so gerne hier Foucault gelesen und sich der Familie seiner Freundin genähert, mit den Kindern gespielt und sein Leben fern der Heimat neu begonnen hatte. Sein Leben gewonnen auf dem Altar seiner Ideale. Familie ist nichts, was für ihn eine Rolle spielt. Nur dem Film entnommene Rollen, die mit surrealen Vorstellung von Blut beginnen und stumpf verwehen, wenn der Alltag in das Kartenhaus der Tradition einzieht und nichts zurücklässt, was mehr ist, als ein dumpfes Pochen. Der schiefe Holzverschlag der dem Hof seinen Charme aufzwingt schubst seinen Blick auf die rechte Seite durch den nicht recht ins Bild passenden neuen Pavillon zur Straße hin. Vereist und fahl trägt sie zum Panorama kaum bei. Führt nirgendwo und überall hin. Ein Satz für Suchende. Aber wer sucht, der hat schon etwas gefunden. Heute Nacht ist nicht die Zeit für Aufbruch. Zeit für Einkehr. Zeit zum Träumen. Nicht vom Sommer, sondern von der Nacht, die er gerade so intensiv erlebt, wie sonst nur das Glück erfahren wird, dass sich langsam aber sicher dem Ende entgegen neigt. Ein Spieler, der nach dem großen Gewinn wieder auf Rot setzt, weiß, dass er verloren hat, egal ob er gewinnt oder verliert. Er hat nichts mehr zu gewinnen, denn sein Traum ist bereits Vergangenheit und ohne Hoffnung geht alles nur weiter, irgendwie. Seine weiße Jacke verliert sich in dem Bild sticht heraus und verdunkelt den roten Pullover, der den Rauch aufnimmt. Rauchen hilft beim alt werden, denn es liefert den Geschmack des Lebens. Drückend brennt es sich mit jedem Atemzug in die Lunge um in Rauch wieder ausgespien zu werden.  Er zieht noch einmal kräftig an der starken tschechischen Zigarette und drückt sie danach aus. Schon halb in der Tür, dreht er sich noch ein Mal um und weiß, dass dieses Bild nicht festzuhalten ist. Das Leben verschwindet, wenn er schlafen geht. Ein Hinübergleiten in ein schwarzes Nichts, das mehr ist, als alles was sein kann. Mit dem Schlaf kommt das Vergessen. Die Nacht hält nichts fest genug, als dass der Morgen es nicht weg brennen könnte, mit seinem bitteren Geschmack von abgestandenem Instantkaffee. Morgens dreht sich alles wieder von neuem, die Karusselle ziehen erneut ihre Runden. Der Hof wird einsamer sein. Keine Schatten bewegen sich lautlos über den schneebedeckten Boden. Die Sonne wird mühsam versuchen den Nebel zu verscheuchen und die Wolken zu durchbrechen. Es gibt viele Farben Grau, Nachts leuchten sie am hellsten.

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29. Dezember 2008

Kommentare

Der Text ist sehr ausschmückend geschrieben und der Stil gefällt mir sehr gut. Ich kann mich wirklich sehr gut in das „Bild“ hineinversetzen. Es macht einen tollen Eindruck. Ich finde auch, dass der Blog an sich mit seinem Inhalt sehr gut gelungen ist. Klasse Sache. Da kann ich wirklich nur den Hut vor ziehen. Wie lange braucht man denn um so einen Text zu verfassen? Macht man so was auf einmal oder teil man sich das auf? Darf ich den Text weiter verwenden?

Ich danke für das Lob! Geschrieben habe ich den Artikel spontan. Ich wollte eigentlich schon ins Bett gehen, wollte aber dne Moment festhalten und deshalb den Schlaf verschoben. Die Rohfassung ist am Abend schon fertig gewesen und am nächsten tag habe ich einige Sätze noch geglättet und den ein oder anderen Gedanken hinzugefügt.

Verwenden…kommt drauf an, wofür. Was willst du mit dem Text machen? Im internet darfst du ihn nicht verwenden, aber gerne einen Link hier hin setzen;) Ansonsten wüsste ich gerne wofür er verwendet wird und sage dann erst ja oder nein.

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