Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Ein unglaubliches Buch. Ein wohl wenig bekanntes Buch. Ein Buch was hinter als Vorlage für einen großen Film gedient hat aber sich nicht hinter ihm verstecken braucht. So oder so ähnlich würden Schlagzeilen über die Traumnovelle lauten. Aber es ist vor allem ein Buch, was die Plakatierung/ Schlagzeilen vermeidet. Ein leises Buch, ein dichtes Buch. Ich war verwirrt ein so dünnes Buch in der Hand zu halten, was mir als Klassiker empfohlen wurde. Wenn ich an Klassiker denke, entsteigt mir die Vorstellung an dicke Bücher. Die Traumnovelle könnte auch ein so dickes Buch sein, aber Albert Schnitzler schafft es ein riesiges Thema dicht und atmosphärisch zu behandeln, was sicher eines der größten der Literatur ist. Ehe, Lust, Eifersucht und Freiheit in ihren Verwirrungen, Verirrungen und Verstrickungen.

Ich traue mich gar nicht den Inhalt wiederzugeben, denn er ist schwierig zu fassen. Ein Paar, Fridolin und Albertine, jung, schön, klug und erfolgreich. Verheiratet aber noch nicht richtig angekommen in der Ehe. Sie hat Gedanken an einen unbekannten, er ist eifersüchtig und stürzt davon, hinein in eine obskure Nacht. Voll Zweifel, voll Drang lässt er sich durch die Nacht reißen. Durch eine Nacht von Sex, Lust, Perversion, Orgien und Einsamkeit.

Das eigentliche Problem ist das der Liebe. Ist sie stark genug? Fridolin fragt sich ob sie groß genug ist, um ihn aus diesem Treiben der Nacht zu befreien. Er hat Fantasien, Gelüste und ist voll der Eifersucht und gibt sich eine Nacht der Freiheit um seine Liebe zu entdecken.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle, Fischer Verlag, Frankfurt, 1926.
ISBN: 359629410X

Stanley Kubrick – Eyes Wide Shut

Der Film basiert auf die oben beschriebene Traumnovelle. Starregisseur Stanley Kubrik hat sich meisterhaft der Romanvorlage genähert indem er sie eben nicht ein zu eins umgesetzt hat. Er hat seine eigene Interpretation entwickelt um dem Zuschauer das Problem aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachten zu lassen und es auch in die Gegenwart zu holen. Man könnte ihm sicherlich auch genau das Vorwerfen, er habe das Buch auf die gelüste Fridolins reduziert und genügt der Voralge deshalb keinesfalls. Ich denke aber ein Film sollte nie die bloße Darstellung eines Buches sein, denn ein Film ist nichts gegen das menschliche Kopfkino. Wenn ein Film aber eine Deutung vornimmt, der Vorlage gewisse Essenzen entnimmt und somit etwas Eigenständiges hervorbringt, dann erst wird er mehr als der Versuch einer bloßen Darstellung.
Stanley Kubrick setzt das ungemein gekonnt um. Die Wahl der Darsteller, Tom Cruise und Nicole Kidman, passt so gut in die von ihm gewählte Interpretation, dass es fast unheimlich erscheint, wie gut die Darsteller den Zuschauer in die Gedankenwelt dieser beschriebenen Nacht hineinziehen.
Das Thema des Filmes ist der Gedanke Freiheit gegen Geborgenheit der Ehe. Lust gegen die Vertrautheit des Schönen. Die Geschichte ist die oben beschriebene ausgedrückt in gewaltigen Bildern. Definitiv eine sehenswerte Umsetzung eines fantastischen Buches. Aber was erwartet man auch sonst, wenn man Stanley Kubrick hört, bzw. ihn sieht.

Stanley Kubrick, Warner Bros. Movie, 1999, 153 Minuten, FSK 16, mit Tom Cruise, Nicole Kidman und Sydney Pollack

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8. Dezember 2006

Kommentare

Schön, wie du den Inhalt von Traumnovelle zu erfassen suchst! "Ist die Liebe stark genug?" trifft es sehr gut. Stark genug, um den Alltag und ungeschminkte Wahrheiten zu überstehen? Sollte man von Geständnissen nicht besser absehen? Und – braucht die Liebe den Mythos als lebenswichtige Nahrungsquelle?

Deiner Sichtweise, in "Eyes Wide Shut" wäre diese Botschaft sehr gut umgesetzt, auch wenn der Regisseur ihr eine eigene Note verleiht, kann ich nicht zustimmen. Kubrick hat einen guten Film gemacht, aber das Thema ist nicht mehr dasselbe. Er lässt seinen Protagonisten in dieser Nacht des Zweifelns so viel Irrungen erleben, dass der Zweifel dadurch völlig überlagert wird. Cruise kommt von seiner nächtlichen Odyssee als verängstigter Mann zurück, und seine Paranoia sind so omnipräsent, dass die im Buch von Fridolin durchlebten Emotionen – ein heftiger Cocktail an Schuldgefühlen, Zweifel, Unsicherheiten und einer Infragestellung von allem, voran er bislang geglaubt hat – überhaupt nicht mehr zum Tragen kommen, wobei das aber eine von Schnitzlers zentralen Aussagen ist.
Kurz und gut, ein Film mit schönen, starken Bildern und einer gut erzählten Geschichte, aber frei von jedem Schnitzler, der an sein Original nicht heranreicht.

Ich sehe du magst das Buch auch sehr gerne. Freut mich.
Bei der Filmrezension hätte ich vielleicht genau schreiben sollen, was du schreibst, nur ohne die negative Wertung. Ja genau, das tut er, Liebe und Freiheit sind nicht mehr sein Thema, sondern Lust gegen Zweifel. Er hat das Thema Schnitzlers aufgenommen und es in die seine Sicht vom 21. Jahrhundert geschickt. Das finde ich macht den Film auf. Deshalb mag ich den Film, auch wenn er nichts mehr mit dem Buch gemain hat, ausser geschichte und Charakternamen. Ich mag den Film weil er eigentständig ist.

Nun, auch ich las jenes Werk Schnitzlers und bin überrascht es nun auch hier zu sehen. Ich wusste nicht einmal, dass es als Klassiker gilt und dachte, es gehöre zu jenen, die im Vergessen begriffen seien. Schön zu sehen das ich irrte.

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