„Wir müssen bekennen, daß wir außerstande sin, eine eindeutige Definition jener Erzeugnisse zu geben, nach welchen wir jene Zeit benennen, de >>Feuilletons [Blogs]<< nämlich. Wie es scheint, wurden sie, als ein besonder beliebter Teil im Stof der Tagespresse [des Internets], zu Millionen erzeugt, bildeten die Hauptnahrung der bildungsbedürftigen Leser, berichteten oder vielmehr >>plauderten<< über tausenderlei Gegenstände des Wissens, und, wie es scheint, machten die klügeren dieser Feuilletonisten [Blogger] sich oft über ihre eigene Arbeit lustig, wenigstens gesteht Ziegenhalß, auf zahlreiche solche Arbeiten gestoßen zu sein, welche er, da sie sonst vollkommen unverständlich wären, geneigt ist, als Selbstpersiflage ihrer urheber zu deuten. Wohl möglic, daß in dieser industriemäßig erzeugten Artikeln eine Menge von ironie und Selbstironie aufgebracht wurde, zu deren verständnis der Schlüssel erst wieder gefunden werden müßte.Die hersteller dieser Tändeleien gehörten teils den Redaktionen der Zeitungen an, teils waren sie >>freie<< Schriftsteller, wurden oft sogar Dichter genannt, abe es scheinen auch viele von ihnen dem gelehrtenstande angehört zu haben, ja Hochschullehrer von Ruf gewesen zu sein. Beliebte Inhalte solcher Aufsätze waren Anekdoten aus dem leben berühmter Männer und Frauen […]. Ferner liebte man historisierende Betrachtungen über aktuelle Gesprächsstoffe der Wohlhabenden […]. Lesen wir die von Ziegenhalß angeführten Titel solcher Plaudereine, so gilt unsere Befremdung weniger dem Umstande, daß es Menschen gab, welche sie als tägliche Lektüre verschlangen, als vielmehr der Tatsache, daß Autoren von Ruf und Rang und guter Vorbildung diesen Riesenverbracuh an nichtigen Interessantheiten bedienen >>halfen<<„

So schreibt Hermann Hesse 1943 in seinem Buch „Das Glasperlenspiel“ und meint damit die Zeit des Feuilleton Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber ich habe mich sofort an unsere Blogosphäre erinnert gefühlt, als ich heute im Cafe Barfuß den Roman zu lesen begonnen habe. Ob das jetzt die Selbstironie oder eine Botschaft ist, deren Schlüssel erst noch wiedergefunden werden muss, sollt ihr entscheiden.

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5. September 2007

Kommentare

Japp und selbst Hesse würde heute auf einem Blog publizieren und tadelnd über den Disput zw. Blog A und Blog B berichten. Nicht mehr tat er damals, alles wiederholt sich irgendwo, Kultur ist ein einziger Remix.

Was mich ja noch viel mehr interessieren würde ist, wie weit du im Roman kommst.

Wenn du den durch kriegst bist du mein Held.

Ich hab von Hesse mehr als alles gelesen… aber am Glasperlenspiel bin ich kläglich gescheitert…

zu Oliver:
Hermann Hesse würde sich wohl kaum über den Disput zweier Blogs auslassen, wenn er heute noch leben und schreiben würde. Eigentlich schickt er diese Feuilletonisten ziemlich runter.

zu Nathilion:
Am Glasperlenspiel gescheitert? Wieso denn das?

zu Sören:
Viel Spass!

Danke, aber ich denke doch, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass sich Hesse mit Blogs beschäftigen würde. Den Vergleich mit den Feuilletons der Zeit, die er beschreibt ist doch gegeben und wer weiß, wenn er jung wäre hätte er sicher auch einen Blog und würde uns alle an die Wand schreiben;) Oder uns eben auch runterschicken.

Meld dich mal wieder, wenn du Zeit hast!

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