Auf der anderen Seite

Der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin ist wie ein Maler, der jeden Strich seiner Filme setzt, um sie etwas später wieder zu übertünchen. Nicht mit einer dicken Schicht Pathos oder Eros, wie wir dieses aus Hollywood kennen. Mit dünnen, spitzen, kleinen Strichen überzieht er seine Geschichten, solange bis sie nicht mehr wichtig sind. Er erzählt, aber seine Filme beeindrucken nicht durch die Erzählung, so beeindruckend auch das Erzählte ist.

Wäre er Maler, würden wir nicht die Szenerie bewundern, sondern die Strichführung. Wäre er Buchautor, würden wir immer zwischen den Zeilen hängen bleiben und die Kraft des nicht Geschriebenen aufnehmen, der Handlung hinzufügen und so erst das Meisterwerk erahnen, das uns geboten wird.

Ich brauche nicht die Farben und Bilder zu preisen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass nicht ein jeder im Kinosaal vor Fernweh zergeht, sieht er die Fluten gewaltiger Bilder der Filme Fatih Akins. Gewaltig ist auch Hollywood, aber nie so bescheiden und kraftvoll zugleich. Der Blick fürs Detail, die feinen Striche, machen den Unterschied nicht nur zu Hollywood, sondern vor allem zwischen den dargestellten Kulturen.

Fatih Akin - Auf der anderen SeiteSein neustes Werk „Auf der anderen Seite“ ist ein ruhiger Film, nicht so aggressiv wie beispielsweise „Gegen die Wand“. Die Kulturen krachen hier nicht aufeinander, sondern sind verwoben und doch ganz weit von einander entfernt. Fatih Akin zeigt in diesem Werk vor allem die Gemeinsamkeiten der Türkei und Deutschlands und es kommt einem fast so vor, als wäre der Culture-Clash nur ein Aufeinandertreffen zu verschiedener Charaktere, die unabhängig ihrer Kultur, ihres Glaubens und ihrer Herkunft zusammenprallen und zusammenprallen müssen.

Doch Fatih Akin wäre nicht er, würde er nicht diesen Eindruck durch Vielfältigkeit seines Films sofort wieder zerstören können. Mit Ruhe und ohne Zeigefinger. Seine Kritik an Europa, Deutschlands Verhalten zum Türkei-Beitritt und sogleich auch der Türkei, hier anhand des türkischen Rechtssystems ist so vielschichtig, dass ich keine Auskunft geben kann, wofür „Auf der anderen Seite“ plädiert. Vielleicht will aber Akin auch keine Aussage machen, sondern den Zuschauer mit seinen Gedanken alleine im Kinosaal zurücklassen und ihm nichts aufdrängen. Außer der Schönheit der Bilder, der ich mich selbst Stunden nach Verlassen des Kino nicht entziehen kann.

Wer „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ gemocht hat, wird „Auf der anderen Seite“ genauso lieben, auch wenn die beiden Filme nicht viel gemeinsam haben, außer ihrem Thema, ihrer Schönheit und dem feinen Blick für die Probleme von Nebenan.

Endlosrekursion empfiehlt „Auf der anderen Seite“ wärmstens und wünscht anregende Stunden im Kino ihres Vertrauens. Weitere Kritiken dieses Films sind auf Film Zeit zu finden.