les-philosophesIch verwehre mich meist gegen die Frage, was denn eigentlich Philosophie sei? Zu oft wird einem der Anspruch mit dieser Frage entgegengetragen, als Philosoph müsse man diese Frage klar und deutlich beantworten können und zu oft lassen sich Philosophen dazu verleiten, dies auch zu tun. Bisweilen in Einklang mit dem philosophischen Gebäude, in dem sie sich gedanklich bewegen. Zu oft aber ist die Beantwortung der Frage nur habituell gestützt. Als die erste Wissenschaft, die Eule der Minerva, die die Fehler der Unterwissenschaften ausbügelt (Hegel) oder als Therapie der Wissenschaft (Wittgenstein). Fast alle Antworten haben eines gemeinsam: sie drücken eine Vorrangigkeit aus, erheben den Philosophen in eine geistige Höhe, die nur durch Philosophie zu erreichen ist und kreieren so moderne Denkhelden. Aber damit einhergehend wird die Philosophie auch als ein feststehendes konstituiert. Beim Lesen heute morgen habe ich eine weitere Antwortmöglichkeit gefunden, die mir entschieden besser gefällt. Ich zitiere:

Durch alle Poren unserer Kultur dringt die Reflexion und das kritische Begreifen, ob Staat und Ökonomie und Gesellschaft, ob Alltags- und Formalsprache, ob Malerei, Epos, Lyrik, Filmkunst und Architektur, Urbanistik: in allem nisten immer schon menschliche Selbstreflexion und philosophisch-kritische Erkenntnis. Wer überhaupt etwas von all dem begriefen will, ist zum Nach- und Mitphilosophieren gezwungen; so führen am Ende alle Wege zur Philosophie.

Brandt, Reinhard: Philosophie – Eine Einführung. Stuttgart 2003.

Nimmt man Mal den letzten Satz weg, der erst mit weiterer Lektüre ersichtlich wird und auf den ich im Folgenden noch zurückkommen werde, dann reift die Erkenntnis, dass Philosophie nicht ein anderes ist, nichts gegen etwas anderes stehendes ist, sondern mit allem Menschlichen Tun verknüpft ist. Damit wird der Mythos zerstört, der Philosophie als Liebe zur Weisheit, was die wörtliche Übersetzung ist, die immer noch gerne zitiert und verwendet wird. Philosophie ist dann nicht mehr eine bestimmte Grundhaltung oder die außerordentliche Beschäftigung mit einem bestimmten Gebiet, dem Denken oder der Weisheit, sondern Grundlage menschlichen Tuns und menschliches Tun in einem.

Das bedeutet nicht, dass damit dnan alles gleich philosophisch ist oder dem besten Argument seine Geltung abhanden kommt, denn eine Einschränkung ist ja auch in aller Weite der oben zitierten Sichtweise auf die Frage gegeben. Ein kritisches Begreifen, eine Reflexion, um zu verstehen, was getan wird, wurde und werden soll führt zur Philosophie. Dass diese dann professionalisiert wird und meinetwegen auch in oben genannte Beschreibungen der Therapie für die Wissenschaften, der Eule der Minerva oder der bestimmten Weisheitsliebe führt, ist in der Beschreibung von Brandt angelegt. Deshalb führen alle Wege zur Philosophie. Philosophie dann als eine Tätigkeit. Aber eien, die nicht vergessen soll, das sie Ziel eines Weges ist, der ihr überhaupt den Weg weisen kann.

Der Unterschied ist aber die Hinführung und die Unterscheidung der Philosophie in den Weg zu ihr, der selbst schon ihre Grundlage und somit auch ihr Selbstverständnis ausdrückt und der professionellen und intensiven Beschäftigung mit ihr. Was aber istd amit gewonnen, außer einer weiteren Spitzfindigkeit, die dem Alltag so gleichgültig gegenübersteht, wie es der Philosophie immer wieder kritisch angetragen wird?

Nun, die Perspektive ist nicht mehr so eingeschränkt. Die moderne professionelle Philosophie krank bisweilen daran, ihren Beginn darin zu nehmen zunächst radikal die Perspektive einzuschränken, um die Konfliktsituation auf bestimmte Argumentsklassen zu verlegen, sodass einem nicht gleich das ganze Gebäude um die Ohren fliegt. Das hat Tradition und Descartes darf wohl als Leuchtturm dieser Weise zu Philosophieren genannt werden. Seinen methodischen Skeptizismus ist die Philosophie nicht mehr losgeworden.

Versteht mich nicht falsch, ich will keinesfalls diesen Weg diskreditieren, aber den Anspruch an den Anfang zu setzen, nur mit einem Problem Beginnen zu dürfen mit der Philosophie, will ich ebenso zurückweisen. Wie viele Philosophen sind erst spät zu einer Überzeugung gelangt, was denn Philosophie eigentlich sei? Wie viele Philosophen sind zunächst ganz anderen Fragen nachgegangen, als den spezifisch Philosophischen?

Studiert man Philosophie muss alles auf die Fragen der Theoretischen und Praktischen Philosophie bezogen sein. Man muss schon vorher wissen, wohin man will. Mir ist es dabei egal ob meine mit Unwissenheit gespickte Analyse richtig ist, dass den meisten Philosophen wohl erst sehr spät bis gar nicht auffällt, wohin ihr Werk laufen wird. Hätte sich Heidegger träumen lassen zur Ikone der französischen Postmoderne aufzusteigen? Hätte Hegel wohl damit gerechnet zwischen Links- und Rechtshegelianern zerrieben zu werden, immer in Bezug auf Fragen, die vielleicht so gar nicht seine gewesen sind?

Was ich sagen will ist einfach. Philosophie darf ziellos sein und das bedeutet nicht faul oder unkonzentriert. Natürlich ist man Rechenschaft schuldig und einen Abschluss gibts auch nicht für die Aussage, dass man eben ein anderes Philosophieverständnis hat. Eingliederung in bestehende Probleme darf aber auch nicht so starr sein, dass die Philosophie unter dieser Eingliederung zerbricht. Positiver Anspruch kann nicht einhergehen mit Vergessenheit gegenüber der eigenen Selbstverständlichkeit.

Philosophie hat immer vom Neuen gelebt. Das vermisse ich in unseren Tagen ein wenig. Auf mehr wollte ich auch gar nicht hinaus.

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1. Dezember 2009

Kommentare

Deiner Einschätzung schließe ich mich weitestgehend an: Philosophie ist schlicht ein Reflexionsbegriff über bestimmte Praxen, denen jeder dann und wann nachgeht. Man sollte aber klar abgrenzen, welche verschiedenen Ebenen es gibt: die alltägliche philosophische Überlegung, der philosophische Rekurs in den Einzelwissenschaften und die akademische Philosophie im engeren Sinne unterscheiden sich voneinander, genauso wie sich das Durchrechnen eines Einkaufszettels vom wissenschaftlichen Rechnen und der akademischen Mathematik unterscheidet.

Dadurch erklärt sich dann auch, wieso sich die Rolle des Philosophen als „Spezialisten fürs Allgemeine“ mit der Rolle der akademischen Philosophie als *dem* Ort geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung verträgt – und wieso trotzdem der Laie, der behauptet, irgendwie sei ja jeder ein Philosoph, weder ganz Recht noch ganz Unrecht hat.

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