Ein kleiner Einblick mit besonderem Augenmerk auf Kants Vorrede zur “Kritik der reinen Vernunft” (2. Auflage)

Entstanden aus einer Gruppenarbeit zum Seminar “Einführung in die Philosophie”. Ich danke besonders Michael und Eneia, die den Großteil dieses Textes geschrieben haben und mir erlauben auch die nicht von mir geschriebenen Teile zu veröffentlichen. Danke.

Immanuel Kants Wirken stellt einen wichtigen Punkt in der Entwicklung der Metaphysik dar. Da sich jedoch in den Auffassungen dieser philosophischen Disziplin im Laufe ihrer Geschichte ein starker Wandel vollzogen hat, würde die einseitige Fixierung auf einen Autor zwangsläufig ein falsches Licht werfen. Deshalb wollen wir uns dem naturgemäß schwer fassbaren Thema in Form eines – wenn auch sehr kurzen – historischen Abrisses nähern, unter Nennung einiger wichtiger Repräsentanten und mit Schwerpunkt auf Immanuel Kant.


Antike und Mittelalter

I. Aristoteles als Begründer der Metaphysik

Aristoteles wird häufig als Begründer der Metaphysik genannt. Jedoch war nicht er es, der den Begriff „Metaphysik“ selbst prägte, obwohl eines seiner berühmtesten Werke heute diesen Titel trägt. (Der Name „Metaphysik“ mag bereits in unmittelbarer Nähe Aristoteles’ entstanden sein, nachweisbar ist er jedoch erst im 1. Jahrhundert v.Chr.. Einer häufig erzählten, aber ungesicherten Anekdote zu Folge geht der Name zurück auf einen Zufall: in einer Bibliothek wurden die Schriften, die heute als „Metaphysik“ bekannt sind, hinter Aristoteles’ Physik eingeordnet und entsprechend benannt.) Unberührt davon bleibt der Gegenstand der Disziplin, die Aristoteles selbst als „Erste Philosophie“, manchmal aber auch einfach als „Weisheit“ bezeichnete: die Prinzipien und Ursachen der Dinge. Wer die Fundamentalbedingungen und das Wesen einer Sache kennt, ist ein Weiser, der gewissermaßen alles weiß (-> vgl. hierzu Leitfaden „Philosophiebegriffe“, Aristoteles). In diesem Sinne stellt die Metaphysik bei Aristoteles eine Art Universalwissenschaft dar, die im Gegensatz zu Einzelwissenschaften nicht einzelne Aspekte des Seins, sondern das Sein an sich, in seiner allgemeinsten Hinsicht, untersucht.

II. Thomas von Aquin

Für Thomas von Aquin, einen der wirkmächtigsten Theologen und Philosophen des Mittelalters, war Aristoteles unbestreitbar der wichtigste Philosoph der Antike. Entsprechende übernahm er die Vorstellung von der Metaphysik als Lehre vom Seienden als Seiendes. Absolutes Sein kommt bei Thomas nur Gott zu; alles andere hat Anteil am Sein, und zwar entsprechend seiner Wesensnatur. Dieses hierarchisch-ontologische Modell ist zugleich grundlegend für die thomasische Ethik.

Metaphysik bei Kant

Ab dem 17. Jh. wurde die Metaphysik in die Ontologia generalis und die Ontologia spezialis untergliedert. Die Ontologia generalis ist das, was heute als Ontologie bezeichnet wird und befasst sich mit dem Sein des Seienden.
Die Ontologia spezialis wird heute Metaphysik genannt und befasst sich mit der Bestimmung der metaphysischen Gegenstände: die (philosophische) Theologie mit dem Gegenstand Gott, die Kosmologie mit dem Gegenstand Welt und die Psychologie mit dem Gegenstand Seele. Dies ist die Untergliederung der Disziplinen, die Kant kannte und an der er sich abarbeitete.

Kant geht in der Vorrede zur zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ der Frage nach, ob die Metaphysik eine Wissenschaft sein kann und unter welchen Umständen sie zu einer Wissenschaft werden kann.
Nach Kant gerät die Vernunft in der Metaphysik „kontinuierlich ins St[o]cken“ . Die Metaphysik stellt sich für ihn lediglich als ein „Kampfplatz“ dar, der „dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im Spielgefechte zu üben“. Da also das Verfahren der Metaphysik „ein bloßes Herumtappen“ sei, bedarf es nach Kant einer kopernikanischen Revolution . Dieser Metapher bedient sich Kant, um die perspektivische Änderung zu veranschaulichen, welche er einfordert: Während eine der vorherrschenden Schulen seiner Zeit, der Empirismus, davon ausging, dass unsere Erkenntnis sich nach den Gegenständen richtet und diese Gegenstände erkennbar wären, vertritt Kant die Position, dass wir nur Erscheinungen erkennen können. Hierfür unterscheidet Kant zwischen dem Ding als Erscheinung und dem Ding an sich. Dabei sind Gegenstände, die wir durch Erfahrung erkennen können, Erscheinungen. Mit Erscheinungen haben wir es zu tun, wo unsere Anschauungsformen von Raum und Zeit sowie die Kategorien des Verstandes mit der erfahrbaren Welt zusammenfallen. Dem gegenüber handelt es sich beim Ding an sich um das Ding, wie es unabhängig vom erkennenden Subjekt besteht. Es kann vom Verstand gedacht und kognitiv konstruiert, jedoch nicht erkannt werden, da es nicht erfahren werden kann. Somit gilt als Referenzrahmen das Erkenntnissubjekt selbst, dessen Erkenntnisleistungen von a priori vorhandenen Anschauungsformen und Kategorien abhängen. Die Gegenstände – „als Objekt[e] der Sinne“ – richten sich nach unserem Erkenntnisvermögen .
Durch diese Revolution sollte die Metaphysik nicht mehr ein bloßes Herumtappen und Kampfplatz ohne einheitliche Methode sein, sondern eine Disziplin der Vernunft, welche sich nur mit sich selbst beschäftigt und nicht mehr mit Begriffen, wie Gott, Freiheit, die keine Erkenntnisgegenstände werden können. Jedoch bildet sie die Vernunft als unbedingte Ideen. Diese sollten lediglich Postulate sein, welche nicht erkannt, nur geglaubt werden können . Während die Idee der Freiheit mit Hilfe der theoretischen Philosophie nicht zu beweisen ist, erklärt Kant sie in seiner praktischen Philosophie zur notwendigen Bedingung von Moral. Im Gegensatz zur theoretischen Vernunft produziert die praktische Vernunft keine Erkenntnis, sondern wirkt gesetzgebend, beschäftigt sich also mit normativen Aussagen.

Es sollen nun vorgreifend einige Begriffe geklärt werden, die bei Kants erkenntnistheoretischer Eingrenzung der Metaphysik eine wichtige Rolle spielen: „spekulativ“ und „transzendental“.
Kant gebraucht den Begriff „spekulativ“ nicht nur synonym zu „theoretisch“, sondern gebraucht diesen an manchen Stellen mit einem eher pejorativen Akzent: ein spekulatives Vorgehen tendiert dazu, die Grenzen der Erfahrung zu überspringen und ungesicherte Erkenntnisse anzunehmen. Daher muss nach Kant die spekulative Vernunft kritisiert und eingeschränkt werden .
Der Begriff „transzendental“ muss vom Begriff „transzendent“ unterschieden werden. Der Begriff „transzendent“ kommt auch in den Theologien vor und impliziert ein „Überfliegen“ der Grenzen der Erfahrung. Die „transzendentale“ Untersuchung hingegen analysiert die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Die transzendentale Frage lautet daher: „Was sind die Grenzen von Erkenntnis?“. Die Begriffe waren zu Kants Zeit häufig synonym, aber bei Kant erhält der Begriff an manchen Stellen die oben angerissene, Bedeutung.
Die Transzendentalphilosophie, welche die Erkenntnismöglichkeiten der Vernunft untersucht, geht nach Kant der Metaphysik voraus und bildet quasi den „ganzen Vorriß zu einem System der Metaphysik“ : „Sie [die Kritik der reinen spekulativen Vernunft] ist ein Traktat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst; aber sie verzeichnet gleichwohl den ganzen Umriß derselben, so wohl in Anschauung ihrer Grenzen, als auch den ganzen inneren Gliederbau derselben.“
Die Metaphysik wird nur dann zur Wissenschaft, wenn das Gerüst der spekulativen Vernunft mit praktischen Data (Erfahrung) a posteriori angefüllt wird . Nach Kant wird aus Denken nur dann Erkenntnis, wenn eine Rückkoppelung an die Erfahrung stattfinden kann. So findet er zu einer Synthese zwischen Rationalismus und Empirismus: Erfahrung ist zwar nötig für Erkenntnis, Kant geht jedoch nicht von der Erfahrung aus, denn das wäre lediglich Wahrscheinlichkeitswissen.
Vom Sein als Sein, Gott, dem ersten Anfang, der Unsterblichkeit der Seele und der Freiheit ist keine Erkenntnis möglich. Diese Begriffe fallen in den Bereich des Glaubens, dem das Wissen somit „Platz macht“ . Mit „Glauben“ jedoch meint Kant nicht etwa den christlichen Glauben, sondern die Moralität. Im Gegensatz zur theoretischen Vernunft, die an empirische Erfahrungen gebunden ist, ist die praktische Vernunft unabhängig von der Außenwelt; hier ist der Mensch frei zum Handeln nach selbstgegebenen, moralischen Gesetzen.
Kant will aufzeigen, worüber man etwas wissen kann und was man glauben muss. Um dies zu bewerkstelligen strebt er nach einer kopernikanischen Wende in der Metaphysik.

Mit Hilfe der Kritik soll die Metaphysik zu einer Wissenschaft werden, welche „notwendig dogmatisch [aus sicheren Prinzipien a priori streng beweisend] und nach der strengsten Forderung systematisch, mithin schulgerecht [lehrbar]“ sein soll. Die ihr zugrundeliegende Methode, welche Kant Christian Wolff (1679-1754) entleiht, umfasst die gesetzmäßige Feststellung der Prinzipien, die deutliche Bestimmung der Begriffe, eine strenge Beweisführung und die „Verhütung kühner Sprünge in Folgerungen […]

Metaphysik nach Kant

Eine umfassende Darstellung der aktuellen Metaphysik-Forschung würde den Rahmen dieses Leitfadens sprengen. Die Meinungen gehen weit auseinander, von der Forderung zur Abschaffung der Metaphysik bis zur Wahrscheinlichkeitstheorie ihrer Existenz gibt es einige aktuelle Theorien. Zwei davon möchten wir gerne in aller Kürze darstellen. Alfred Jules Ayer und Alvin Plantinga.

Ayer fordert in seinem 1936 erschienenen Buch „Sprache, Wahrheit und Logik“ die Abschaffung der Metaphysik, da er sie für unsinnig hält. Seiner Theorie nach, sei Metaphysik nicht verifizierbar und somit sei es unsinnig über sie zu diskutieren. Denn wenn jemand über Gott, als ein Beispiel der Metaphysik, spricht, sagt er nichts über einen verifizierbaren Gegenstand, anhand dessen man Argumente abgleichen könnte. Wenn er aber über nichts spräche, hätte so etwas auch nichts mehr in der Philosophie zu suchen.

Alvin Plantinga plädiert in seinem Buch „God, Feedom and Evil“ allerdings für die Metaphysik und ihre gerechtfertigte Stellung in der Philosophie. Auch wieder speziell am metaphysischen Beispiel „Gott“. Er bezieht sich darauf, dass auch in der Philosophie einige Grundannahmen getroffen werden, die nicht zu beweisen sind. So nimmt der Common Sense an, dass die Außenwelt existiert und diese eine Vergangenheit hat. Das seien basale Meinungen, auf die alle Meinungen basieren und die nicht selbst von anderen Meinungen abhängen. Basale Meinungen, sind zwar zu verteidigen gegen kritische Fragen, aber sie sind nicht zu beweisen. Die Meinung Gott existiere sei aber auch eine solche basale Meinung. Sie müsse sich zwar gegen kritische Fragen wehren – wenn sie das nicht kann, ist sie widerlegt – aber sie habe eine gleiche Stellung in der Philosophie wie die Meinung, es gebe eine Außenwelt und ihre Vergangenheit.

Die weite Spanne an Meinungen im Metaphysikdiskurs des 20. Jahrhunderts – von radikaler Ablehnung in den 1930ern bis hin zur Verteidigung der Metaphysik in den 1970ern – soll zeigen, dass man nicht von einer Entscheidung für oder gegen Metaphysik in der Entwicklung dieser Frage sprechen kann. Es gibt eine große Diskussion, ob und wie weit Metaphysik in der Philosophie vertreten sein soll, bzw. noch sein kann.

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21. Februar 2007

Kommentare

Hallo Raphael – bin durch deinen Comment zum Atheismus beim sonnwandeln.eu/weblog.de/ auf deine Site gestossen. – Den Artikel über Kant und die Metaphysik hab ich runtergeladen und als geneigter Laie mit grossem Interesse gelesen: knapp und instruktiv. Kant hat ja die Metaphysik eigentlich abgelehnt bzw. in ihre Schranken verwiesen und die sog. Gottesbeweise widerlegt. – Noch ne Frage: warum schreibst Du auch auf Englisch. Ist die englische Sprache in der Philosophie heute ein Muss wie früher das Latein? Wir haben doch die wunderbare deutsche Sprache, so das andere früher Deutsch lernten, um Schopenhauer, Hegel, Nietzsche im Original lesen zu können, oder gilt Englisch einfach als schick?

Erstmal danke für dein Lob, es ist schön, dass er dir weitergeholfen, bzw. dich interessiert hat.Ein kleiner Zusatz, Kant wollte die Metaphysik eigentlich neu begründen und hat sie keineswegs abgelehnt, doch fast alles, was vorher im Beriech der Metaphysik gelegen hat ist bei seiner Analyse rausgeflogen. Er hat somit einen neuen Begriff der Metaphysik definiert.Zur Sprache: Meine eigentliche Intension ist, dass ich mich gerne mein Englisch erweitern, aufbauen, verbessern möchte. Wenn du die bis jetzt wenigen Artikel auf Englisch liest wird dir sicher auffallen, das sie grottenschlecht sind, das möchte ich ändern, aber es braucht Zeit. Ich wollte mich einfach mal an etwas Neuem messen und ein englischsprachiges Blog machen.Dennoch ist es unablässlich heute Englisch zu können, will man an aktuellen philosophischen Diskussionen teilnehmen und auf dem laufenden bleiben. Deshalb verliert Deutsch als Sparche der Philosophie nicht seinen Wert, Englisch erweitert nur die Möglichkeiten. Es gilt sicher unter vielen Wissenschaftlern, auch den Philosophen, als unglaublich schick alles mit irgendwelchen englischen Begriffen auszuschmücken, aber das würde ich nicht allzu überbewerten, man merkt doch recht schnell ob jemand etwas zu sagen aht oder mit Begriffen um sich schmeißt.Aber wenn du dir den Artikel über Susan Wolf durchliest, wirst du sehen, diesen unglaublich interessanten Artikel gibt es (noch) nicht auf Deutsch, man verpasst aber etwas, wenn man ihn nicht liest, lesen kann.Ein weiterer Aspekt ist, dass ich gerne ein Auslandssemester in einem englischsprachigen land machen würde, meine sprachlichen Fähigkeiten auch für ausreichend halte, für Vorlesungen, aber schriftliche Arbeiten, ne das klappt noch nciht. Hier möchte ich üben und mich Schritt für Schritt annähern.ich denke, aber, dass mein Englisch so einfach ist, dass auch alle Deutschen mit Interessa an meiner Seite nicht ausgeschlossen bleiben;)Ich hoffe also dich hier noch öfter zu sehen.

[…] Der Artikel ist umgezogen. ich habe die Strucktur meiner Seiten geändert und aus diesem Blog die wissenschaftlichen Arbeiten genommen und dafür einen eigenen Blog geöffnet. Alle Hausarbeiten/ Referate/ Essays meines Philosophiestudiums findet ihr ab sofort auf dem blog “Philosophie”. Dort schreibe ich auf Englisch über meine Vorlesungen und mein Studium, zudem poste ich meine Arbeiten, die fürs Studium entstanden sind. Hier findet ihr den Artikel “Was ist Metaphysik?” […]

Mit der Thematik der Metaphysik bin ich nun schon etwas länger in der Auseinandersetzung. Du gibst hier sehr interessante Denkanstösse. Danke für diesen Blog. Ich wer hier mal öfter reinschauen.

Lieber Raphael,ich habe Deinen Artikel mit Interesse gelesen – nicht zuletzt deswegen, weil Metaphysik bislang ein stiefmuetterlich behandeltes Gebiet ist.Ich habe jedoch kein Zweifel, dass Metaphysik auf eine ebenso moderne Weise betrieben werden kann wie dereinst Atomphysik.In der Zeitschrift TABULA RASA ist kuerzlich ein Essay von mir erschienen, der einen ersten Einblick in diese moderne Metaphysik gibt.TITEL: Von der Notwendigkeit einer »zweiten Aufklärung« – Wie man das Tor zu einer modernen Metaphysik aufstoßen kannhttp://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_2386/Weitere Details findest Du/Ihr auf der angegebenen Webseite der „Natural Philosophy Alliance“.GrussHelmut

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