Dies ist der dritte Teil eines Gesprächs zwischen mir und people in motion. Eine Diskussion über System, Kapitalismus, Bildung und Individuum in vier Teilen. Für alle Neueinsteiger findet sich die Erklärung, der erste Teil und der zweite Teil noch in unseren Archiven. Der letzte Teil wird nächsten Dienstag auf people in motion erscheinen. Ich bitte um Diskussion.

soeren onez:
Die ersten beiden Teile unserer Diskussion waren eher theoretischer Natur, sodass du zu recht die Politik angeführt hast. Dabei siehst du vor allem Defizite in der Bildung und Erziehung. Würdest du bitte dort fortfahren und deine Ideen entwickeln. Zunächst solltest du mir das Problem eingehend erläutern.

people in motion:

Deutschland besitzt ein ausgeprägtes demokratisches Gefüge in Bezug auf die Gesellschaft und die Organisation. Eines der besten Indizien dafür, ist der sehr ausgeprägte, wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurs in Zeitungen und Büchern. Also eigentlich gute Voraussetzungen für ein freies und unabhängiges Leben in Gerechtigkeit und damit die Unterstützung zur Findung, ich nenne es jetzt mal wie du, der Verantwortung gegenüber sich selbst und damit auch gegenüber der Gesellschaft.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass für die jüngere Bevölkerung unseres Landes auf Grund äußerer Bedingungen diese Selbstfindung schwieriger geworden ist. Während die heutigen 35 bis 60 jährigen noch in der Lage sind unser kulturell, historisches Erbe zu tragen, scheint meine Generation das nicht zu sein. Eine mögliche Ursache ist die drastische Veränderung des Lebens durch den rasanten technischen Fortschritt. Dieser ungewöhnlich abrupte Wandel – zum Beispiel durch das Internet -, der besonders aus kapitalistischen Motiven angetrieben wurde, könnte eine größere Kluft zwischen den Generationen verursacht haben als geschichtlich üblich. Die Kluft zwischen der moderne und dem apokalyptischen Zeitalter. Die Lösungsansätze unserer heutigen Politik in Bezug auf die Jugend sind offensichtlich nicht ausreichend.

Theoretisch könnte dies bedeuten, dass es im Laufe der nächsten 50 Jahre zu einem frühen Bruch der noch jungen demokratischen Tradition in Deutschland kommt. Allerdings sind dies nur Tendenzen. Daran kann sich noch was ändern. Nur wie? Bei der Frage nach den Schlüsselelementen zur Realisierung nachhaltiger Errungenschaften gelange ich wieder bei Bildung und Erziehung und dem Prioritätenproblem unserer Politik an.

Du schreibst, um was zu ändern, „müsste man sowohl das Gestern, das Heute als auch das Morgen verändern“. Das kann höchstens das Ziel einer Philosophie, einer Weltformel, sein. In der Geschichtswissenschaft und Soziologie muss man das Gestern verstehen und das Heute erkennen, um dann das Morgen ändern zu können.

soeren onez:

Es gibt mit Sicherheit viele verschiedene Ansatzpunkte dieses Problem anzugehen, einige werden sich gegenseitig ausschließen, die meisten aber werden sich zu einem neuen Weg ergänzen. So oder so ähnlich stelle ich mir eine funktionierende Herangehensweise vor. Ein System entwickelt von der Philosophie, was aber nicht arrogant von oben herab auf die anderen Wissenschaften schaut und ihnen zuraunt – „na immer noch keine Lösung?“ – sondern was ein Denkmodell, eine Weise zur Gestaltung hervorbringt. Ein philosophisch gesehen perfektes Modell was durch die Wissenschaften versucht wird annähernd realisieren zu werden.

Ohne einen Denkrahmen bleiben alle Versuche dieses Problem zu lösen der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Ohne eine Koordination werden sich zu viele Versuche im negativen Sinne kreuzen. Sie werden sich gegenseitig aufheben und somit das System Kapitalismus nur unterstützen, denn soweit Maßnahmen innerhalb des System angewendet werden, können sie es nur stützen.

Ich bin kein Gegner der Globalisierung oder des Kapitalismus im Allgemeinen, aber ich sehe welche Auswirkungen dieses System auf den Menschen hat. Ich denke der Mensch hat dieses System erschaffen. Jetzt wird er die Geister, die er rief, nicht mehr los? Nein, ich denke nicht. Ich gehe viel mehr davon aus, dass der Mensch selbst dieser Geist des Systems ist. Sollte es jemals gelingen, dieses System wirklich in all seinen Ausmaßen darzustellen, bin ich überzeugt, die Grundzüge werden den Grundcharaktereigenschaften des Menschen gleichen.

Ich bin mir nicht sicher ob wirklich eine größere Kluft zwischen den Generationen bevorsteht oder schon eingeleitet ist. Diese These solltest du noch einmal genauer begründen. Nimmst du nicht die Zeit als Faktor und vergisst dabei, dass eben diese neuen technischen Fortschritte die Zeit als solche fast abgeschafft haben. Kommunikation ist heute wichtiger denn je. Dabei ist nicht mehr Schnelligkeit der Fortschrittsfaktor, sondern dieser wurde von der Möglichkeit zur Livekommunikation abgelöst. Zumindest ist das die Vision, die in sehr vielen Bereichen schon verwirklicht ist. Die ältere Generation hatte niemals diese Möglichkeiten und es wird sich erst zeigen, welchen Gewinn/Verlust das mit sich bringen wird.

people in motion:
Erst mal muss ich dir in einem Punkt widersprechen. Über die Darstellung des Systems lassen sich nicht die Grundcharaktereigenschaften des Menschen erkennen. Es wäre vielmehr eine Darstellung der gesellschaftlichen, stark durch das Umfeld beeinflussten Lebensweise der Menschen. Zur einem Abbild der Grundeigenschaften könnte man nur über ein Gesamtverständnis der historischen Entwicklung der Menschheit gelangen. Das, was ich als menschliche Grundeigenschaften bezeichnen würde, hat den Lauf der Geschichte geschrieben.

Deine Kritik an meiner Aussage, dass der Fortschritt der Technik für einen abrupten Wandel der Lebensverhältnisse verantwortlich ist, kann ich verstehen. Das war sehr vereinfacht und ungenau argumentiert. Ich möchte meine These genauer erläutern.

Die heutige Jugend wird bei Bestätigung erkennbarer Tendenzen nicht die nötige menschliche Reife erlangen um unter den in etwa 40 Jahren herrschenden Bedingungen die deutsche Hochkultur und demokratische Stabilität aufrecht zu erhalten. Das liegt am abrupten Wandel der Lebensverhältnisse, in denen der Mensch weniger in seiner Entwicklung unterstützt wird, aber vor immer mehr Fragen und Probleme gestellt wird. Belege für den abrupten Wandel und dessen Auswirkungen lassen sich in praktisch allen Feldern des menschlichen Lebens finden.

Nehmen wir die innerste Form des sozialen Kontakts, die Familie. Der Stellenwert der Familie nimmt in Betrachtung der gesamt-historischen Entwicklung exponentiell ab. Wie wichtig sowohl Vaters als auch Mutter für die gesunde Entwicklung eines Kindes sind und wie förderlich Geschwister, das scheint bei der Wahl der Lebensform heute keine besondere Bewandtnis mehr zu haben. Oft sollen die Medien die Lücken füllen, die von der Familie hinterlassen werden.

Nehmen wir die Veränderungen der Kommunikation, die du ja schon angesprochen hast. Eine ihrer Auswirkungen ist, dass dieser allezeit verfügbare Live-Austausch von Informationen es den großen Konzernen ermöglicht ein Weltnetzwerk aufzubauen, dass an keine räumlichen Schranken mehr gebunden ist. Den Bossen der deutschen Firmen werden dadurch die teuren deutschen Arbeiter mehr und mehr ein Laster im Kampf um den größten Profit. Eine Unsicherheit tritt dadurch in das ökonomische Leben einer großen Maße der Bevölkerung. Die untere Bildungsschicht hat heute schon verloren. Wie es der immer kleiner werdenden Mittelschicht ergehen wird, lässt sich nur erahnen.

Nehmen wir die Geschichte, denn auch historisch hat sich mit dem Ende des Ost-West Konflikts ein einschneidender Wandel vollzogen. Heute ringen keine Systeme mehr um das Recht des Stärkeren, denn der Kapitalismus hat sich als Stärkster herausgestellt. Deutschland steht in diesem Ringen der Staaten um gute ökonomische Voraussetzungen vor der Erkenntnis, dass die wichtigsten Entscheidungen nicht mehr nur vom christlichen Westen getroffen werden, da sich die wirtschaftlichen Machtzentren Richtung Süd-Ost Asien verschieben.

Nehmen wir die Politik. Eine Erfahrung der heutigen Jugend in Bezug auf Staat und Demokratie ist die Machtlosigkeit der Politik. Ich kenne nicht das Gefühl wenn einem der Nachrichtensprecher sagt, dass die Arbeitslosenzahl auf Grund der neuesten Reformen wieder eindeutig gesunken sind. Oder das Deutschland einen Haushalt vorlegt in dem am Ende keine riesengroße rote Zahl steht. Da kann man doch schon mal zweifeln, ob das wirklich alles gut endet. Ein heute fünfzig Jahre alter Mann hat Aufschwung, tendenziell immer größer werdende soziale Sicherheit in Deutschland erlebt. Wir, die Jugend, haben das nicht.

Nehmen wir die Umwelt. Die fatalen Einflüsse des Menschen auf die Natur führen auch zu immer drängenderen Fragen, denn auch hier ist eine Entwicklung mit exponentieller Steigerung der Schäden zu erkennen. Die gewissenlose Rodung des Regenwaldes unter kapitalistischen Gesichtspunkten, der für das Klima der Erde von so entscheidender Bedeutung ist, zählt zu den dringlichsten Problemen mit denen sich die Weltöffentlichkeit beschäftigen muss. Das es dort heute noch keine annähernd wirksamen Lösungsansätze gibt kann einen durchaus erschauern lassen. Auch eine exponentielle Entwicklung weist übrigens die Weltbevölkerung auf, die diese Problematik noch um ein vielfaches verstärken wird.

Das Weniger an menschlicher Reife bei einem Mehr an Problemen. Das führt zu Hoffnungslosigkeit, Radikalismus und Angst. Dies ist Nährboden für den Verfall unseres Landes. Erreicht werden muss mehr Reife, dann erübrigen sich schon viele dieser Probleme oder zumindest lernt der Mensch mit ihnen umzugehen. Um einen höheren Reifegrad zu erlangen, braucht man mehr Erziehung und mehr Bildung. Heute in einem drastischeren Maß als es die derzeitige Generation der Erwachsenen erahnt. So könnten sich zumindest einige Prozesse automatisch umkehren und dem Menschen könnte eine Anpassung an die Begebenheiten gelingen. Dies würde dann wieder eine Besserung der Begebenheiten verursachen. Eine positive anstatt einer negativen Entwicklung.

soeren onez:
Ich konnte deinen Ausführungen folgen und habe einige Anmerkungen zu machen. Zum einen werde ich meine These vom System und den Grundcharaktereigenschaften des Menschen verteidigen, denn ich denke mich ungenau ausgedrückt zu haben. Des weiteren werde ich auf die Nationalstaatlichkeit eingehen, sehe ich doch darin ein weiteres Problem, was verhindert, all diese Probleme, die du ansprichst, in Angriff zu nehmen. Das in unserem vierten und letzten Teil der Diskussion nächsten Dienstag.

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5. Juni 2007

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