Niklas Luhmann drückt im folgenden Zitat genau mein Unbehagen gegenüber politischen Skandalen aus, dieich selbst so genau nicht hätte beschreiben können:

[Die Form des Skandals] zielt auf Individuen und bestätigt damit die ohnehin verbreitete Überschätzung der Bedeutung einzelner personen für das politische System. Vor allem aber sind zahlreiche, wirklich skandalöse Eigenarten der Informationsverarbeitung im politischen System gar nicht skandalfähig. Sie werden zwar als Skandale bezeichnet, können aber nicht moralische Entrüstung, sondern bestenfalls Resignation und Apathie erzeugen. Zu denken ist vor allem an die Häufung von erheblichen finanziellen fehlplanungen, die ohne Unterstellung von verschleierungsabsichten kaum verständlich sind, sowie an ebenso gravierende ökologische Unaufmerksamkeiten in bereits hochsensibilisierten Zusammenhängen. Man kann angesichts solcher Tatbestände Systemkritik treiben oder Führungspersonal zur verantwortung ziehen, kaum aber in den apparat selbst eingreifen. Von außen gewinnt man den Eindruck, daß die Verwaltungsbürokratie des Staates wie ein soziales Netzwerk konstruiert ist, dessen hauptziel darin besteht, sicherzustellen, daß nichts passiert, wenn etwas passiert.

Luhman, Niklas: Die Moral der Gesellschaft. stw 1871. S. 173.

Wenn Luhmann hier die Verwaltungsbürokratie als Ursache ausmacht, dann geht er mir noch nicht weit genug. Medien, Intellektuelle, der Stammtisch und das digitale Rauschen sehen auch immer nur zwei Möglichkeiten: entweder istd as System schlecht, schuld und überhaupt der böse Kapitalismus, oder aber die Person, die gerade der Behörde vorsteht ist der Teufel. Das ist natürlich überspitzt, denn man kann kaum so vielen sich Äußernden nur diese zwei Möglichkeiten unterstellen. gerade durch hinzunahme von blogs und überhaupt digitalen Medien scheint mir die Meinungsvielfalt weiter zu gehen. Aber dennoch wird kaum bewogen, was dnen am Apparat zu ändern wäre, was sich wie ändern lassen könnte. Person oder System müssen Schuld sein, als dritte Möglichkeit vielleicht beide. Bei jedem „Skandal“ dasselbe Geschrei. Konstruktive Kritik sieht anders aus. Und dabei darf der Fokus nicht allein auf die Verhinderung dieses Problems in der Zukunft gelegt werden, sondern es muss gefragt werden, was dazu geführt hat, dass dieses etwas passiert ist und welche Struktur dies befördert hat. Denn gerade bei Behörden ist es wohl selten das Handeln einer einzelnen Person. Nur so lassen sich Varianten dieses Skandals in der Zukunft verhindern.

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4. November 2009