Ich möchte in diesem Text zeigen, dass das Argumentieren mit den Begriffen Terror und Kindesmissbrauch nicht demokratisch ist, sondern Massenphänomene anspricht, die eine freie Entscheidung verhindern möchten. Eine freie Entscheidung aber ist die Grundlage unserer Demokratie. Der Text soll als Warnung verstanden werden an jeden einzelnen Politiker, der aus Dummheit, aus Faulheit oder aus berechnendem Kalkül versucht seine Wähler für dumm zu verkaufen und eine Warnung an jeden einzelnen Wähler nicht auf diese wirklich einfach zu durchschauende Strategie hereinzufallen.

Forschung zu Massenphänomenen sind nicht neu, auch wenn das bisweilen so erscheinen mag. Aber man kann schon die Platonische Staatskonzeption als Reaktion auf bestimmte gesellschaftliche Massenphänomene lesen, denen eine Notwendigkeit zukommt. Spätestens aber mit Machiavelli kann es wohl nicht mehr bestritten werden, dass hier die Idee entwickelt wurde, dass viele Menschen sich notwendig auf bestimmte Art und Weise verhalten, auch wenn es für jeden einzelnen dieser Masse gute Gründe gäbe nicht so zu handeln.

Diese Form des Wissens findet sich in Marketingstrategien wieder, in Studien zu Produktdesign jeglicher Art, in den großen Propagandaschlachten des 20. Jahrhunderts, in Konzepten großer Hallen und Stadien oder auch in politischen Wahlkämpfen. Ich will mit diesen Beispielen keinen vergleich oder gar eine Gleichsetzung anstreben, sondern zunächst feststellen, dass sich Massenverhalten in vielerlei Hinsicht zu eigen gemacht und eingesetzt wird.

Dem zu Grunde liegt eine mögliche Beschreibung des Menschen als hetero- und homogenes Wesen. Zu Nutze machen kann sich jeder diese Erkenntnis, zum Guten wie zum Schlechten. Es mag jeder zunächst selbst entscheiden, inwiefern in den folgenden Videos Masse genutzt wird:

[youtube GSree1pNoXE]

Ich für meinen Teil finde die Reaktion des Publikums gruselig bis enorm bedenklich. Hier wird Konsum in Form von Geschenken zur Extase aufgepusht die von der Form, nicht vom Inhalt her, mehr als nur ein wenig an geschichtlich sehr folgenreiche Ereignisse erinnert, die ich zum Vergleich anführe. Die Rede Josef Goebbels im Sportpalast 1943.

[youtube vi6xqr6vKTo]

Noch einmal ganz deutlich: Ich will hier nicht den Konsum mit dem Nationalsozialismus vergleichen, sondern die wirklich abstrus anmutende Reaktion des jeweiligen Publikums. Denn beide Reaktionen sind unzweifelbar dem selben Phänomen geschuldet, dass in großen Gruppen Menschen nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt rational denken. Ich werde keine Antwort geben können auf die Frage, warum das so ist, denn dafür müsste eine komplette und konsistente Anthropologie entwickelt werden, sowie in diesem beinhaltend ein Rationalitätsbegriff. Das kann ich hier nicht leisten und soll auch nicht Sinn des Textes sein. Jeder Leser selbst kann sich Gedanken dazu machen, welche Menschenbilder zu welchen Erklärungen kommen würde und auch, welche Menschenbilder durch solche Tatsachen vielleicht sogar in Frage gestellt würden.

Ich möchte viel lieber darauf hinweisen, dass in Deutschland zunehmend Wahlkämpfe auf ähnliche Art und Weise geführt werden oder soll ich lieber inszeniert sagen? Das ist keine neue Erkenntnis. Ich aber will nicht auf Reden vor großem Publikum hinaus, die sicher auch einige dieser oben zu sehenden Phänomene hervorbringen, aber in viel schwächerer Form. Ich will vielmehr auf die Berichterstattung und das Wissen unserer Politiker um diese hinaus, die einen ähnlichen Charakter bekommen hat und den ich sehr bedenklich finde.

Wenn man sich den Grundcharakter dieser Massenphänomene anschaut, dann ist eine notwendige Bedingung immer ein gleiches Wollen in ganz unspezifischer Weise, welches bei jedem Einzelnen der Masse vorhanden sein muss. Sei es der tolle neue Superflachbildfernseher, der Fluchtgedanke im Stadion oder eben ein starkes siegreiches Deutschland. Ein Wollen, was alle dieser Masse teilen.

Zunehmend wird in politischen Diskussionen in Deutschland genau diese Bedingung von Massenphänomenen angesprochen und das in einer Form, die mit politischen Aushandlungsprozess in meinen Augen nicht mehr viel zu tun hat. Meine Beispiele sind der Gebrauch des Terrors und des Kindesmissbrauchs für mittlerweile so viele und unterschiedliche Bereiche der Politik, dass man sich wirklich verarscht vorkommen muss.

Terror und Kindesmissbrauch kann niemand wollen. Diese beiden Übel zu verhindern will jeder einzelne in unserer Gesellschaft. Dagegen zu sein ist keine Option. Und genau deshalb wird mittlerweile bei viel zu vielen Gesetzesvorlagen eines der beiden als Argument angegeben. Dann, so scheint die Kalkulation zu sein, kann auch niemand gegen das Gesetz sein. Wer gegen Kindesmissbrauch ist, muss auch für die Vorratsdatenspeicherung sein, wer gegen Kindesmissbrauch ist, muss auch gegen die Scheinminderjährigkeit in erotischen Darstellungen sein, wer gegen Kindesmissbrauch ist, muss auch für die Ausweitung der Rasterfahndung sein, wer gegen Kindesmissbrauch ist, muss eben auf bestimmte Grundrechte verzichten. Wer gegen Terror ist, muss eben auch für gewisse Einschränkungen der Pressefreiheit sein, gegen Einschränkungen des Quellenschutzes, des Abhörschutzes von Ärzten, Rechtsanwälten und Journalisten. Wer gegen den Terror ist, der muss eben Nacktscanner befürworten und und und. Die Liste ist ja leider mittlerweile fast unendlich fortführbar.

Es wird eine Alternativlosigkeit suggeriert, die unter rationalen Gesichtspunkten völlig hirnrissig ist. Und ich finde es wirklich bedenklich, dass immer mehr Politiker von dieser Suggestion gebrauch machen. Ich hatte mich weiter oben noch des Votums enthalten, inwiefern das Nutzen von Massenphänomenen gut oder schlecht sei und ich will auch jetzt keine vollständigen Kriterien entwickeln. Aber, dass Phänomene, die natürlich darauf ausgerichtet sind, Rationalität gar nicht erst zu aktivieren, in einem demokratischen Prozess nichts verloren haben, scheint mir evident. Wenn Demokratie ganz grob gesagt der Prozess ist, der die Meinung zum Erfolg führen soll, für die sich die meisten Teilnehmer der demokratischen Gemeinschaft entschieden haben, aber die Argumentation darauf aus ist, eine Entscheidung zu verhindern, indem sie Alternativlosikeit suggeriert, dann ist das nicht demokratisch. Und wenn sich Politiker an eines halten sollten, dann doch daran, dass sie demokratisch gewählte Volksvertreter sind.

Natürlich müssen wir über die Verhinderung von Kindesmissbrauch und Terror reden, müssen auch politische Entscheidungen treffen, die darauf hinarbeiten. Aber wir, d.h. jeder einzelne von uns und jeder einzelne Politiker, sollten uns bei jeder Debatte genau überlegen, welche Folgen gewisse Gesetze haben und ob sie wirklich im Zusammenhang mit Terror oder Kindesmissbrauch stehen. Das ist nämlich mitnichten bei allen diesen neuen Vorschlägen der Fall. Wir dürfen nicht zur Masse werden, indem wir sofort Hurra schreien, sobald eines dieser Wörter fällt und uns jemand verspricht, dass er ein Mittel dagegen hat. Wie eine rationale Sichtweise auf das Phänomen Terror aussehen kann, will ich euch mit einem Beitrag des Wissenschaftsmagazins Quarks & Co. vom WDR zeigen:

[youtube BjQj05Mr8oU]

Es ist unsere Aufgabe und einzige Chance auf Demokratie, politische Versprechungen konsequent zu ignorieren und die Mittel kritisch zu hinterfragen. Das allein ist ein demokratischer Prozess der nicht wie bei Platon notwendig in die Oligarchie und dann in die Tyrannei übergeht. Denn dass auch gute Ideen in schlechtem Gewandt stecken können, zeigt schon das Gesetz des Zufalls. Aber es ist unsere Aufgabe genau das auseinander zu halten und die guten Ideen herauszupicken aus dem Massenbrei, der uns vorgesetzt wird. Denne s kann niemand später behaupten, er habe nichts bemerkt.

25. November 2010