Ich möchte einen kurzen Ausspruch Nietzsches nutzen um einer Frage nachzugehen, die sowohl eine persönlich subjektive, als auch ein gesellschaftlich relevante ist. Die Frage nach der Vereinsamung unserer Gesellschaft und ob wirklich ein Individualisierungsprozess dafür verantwortlich ist.

„Werde, der du bist“

– Friedrich Nietzsche –

Was Nietzsche damit ausdrücken will ist denke ich mal klar. Definiere dich und arbeite an deinen Träumen. Setze dir Heute, was du Morgen sein willst, realisiere dich. Sei Mensch, sei Individuum.

. sei du selbst, bleib auf deinem Weg, auch wenn dieser wechselt

Der modernen Gesellschaft wird nachgesagt, sie vereinsame die Menschen. Noch nie gab es so viele Singles, noch nie so hohe Scheidungsraten, zumindest seit solche Statistiken geführt werden. Diese Vereinsamung lässt sich sicher auch an dem inflationären steigendem Aufkommen von Singleparties, Singletreffs, Singleshows im TV erkennen. Dann gibt es da noch das Internet. Internetsucht, Realitätsverlust, was sonst noch so durch die Medien geistert. Dann dieses letztgenannte Medium, die Medien. Glotze gegen Einsamkeit.

Die letzten polemischen Zeilen sollen nur aufzeigen, wie schwammig die Behauptung der Einsamkeit unserer Gesellschaft sind. Dennoch bin ich von dieser These überzeugt, nenne es mal meine Erfahrung meiner Umgebung, die ich Gesellschaft nenne. Ich denke die Gesellschaft wird immer Einsamer. Aber! nicht Individueller! Egoistischer wird sie, wird oft behauptet. Mag sein, denke ich aber nicht. Egoismus setzt eine Vorstufe vorraus, die oben zitierte. Um egoistisch zu handeln muss man wissen was man will, muss man sich selbst erkundet haben, sich selbst gesetzt haben, durch die Schmerzen der eigenen Seele gegangen sein.

. Egoismus setzt Wissen des Selbst vorraus

Glaubt ihr auch nicht, dass dieser Selbstfindungsprozess wirklich bei all diesen Millionen einsamen Singles stattgefunden hat und sie deshalb so alleine sind? Glaubt ihr auch nicht, dass wirklicher Egoismus, oder im positiven Sinne, Individualität dafür verantwortlich sind, dass unsere Gesellschaft menschlich immer ärmer wird?

Ich bin fest davon überzeugt, dass die egoistische Beschäftigung mit sich selbst nicht zu reinem Egoismus sondern nur zu einem Selbstvertrauen führt, was für die Gesellschaft von Vorteil ist. Denn verunsicherte, verängstigte Hunde beißen viel früher zu. Dieser Vergleich mag hinken, ist nicht hinreichend Begründet, doch ich wollte meinen Thesenansatz mal hier in Frage stellen lassen um ihn vielleicht dann weiter zu entwickeln.

Wenn ich noch eine vage Theorie am Ende vorbringen darf, warum die moderne Gesellschaft vereinsamt? Konsum, das Stichwort ist Konsum. Werbung, Marken, Medien gaukeln dem Konsumenten Individualität, falsche Individualität vor und geben ihm so ein falsches Selbstbewusstsein. Nämlich den Schein des Bewussten. Der Konsument ist gefangen in seinen Vorstellungen von sich selbst, die rein durch Konsummechanismen entstanden sind, sucht aber nicht den Ausbruch aus dem Gefängnis, denn es scheint ihm das Paradies.

. meine leise und vage Vermutung, ohne andere Ursachen dabei auszuschließen

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15. Oktober 2006

Kommentare

Egoismus und Egozentrik sind zu unterscheiden:Egoismus ist notwendig, gesund und Voraussetzung, ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Egoismus schließt andere nicht notwenigerweise aus- wie aber fälschlicherweise oft suggeriert wird – um Egoisten anzuprangern, moralisch zu verdammen. Wenn etwas/wer verdammt werden muss, dann sind es Egozebntriker, die glauben der Nabel der Welt zu sein.

Also lasst uns Egoisten werden, damit die Egozentriker keine Chance haben, die glauben Egoisten dürfe es nicht gebenb.

genau das wollte ich ausdrücken, vorsichtig, da meine Theorie noch auf wackeligen Füßen steht. Meine Frage and dich wäre aber, um die Theorie weiter zu denken, wo genau ziehst du die Grenze zwischen Egoismus und Egozentrik? Ich würde ungern dabei dann eine moralische Sichtweise in anspruch nehmen, sondern erstaml auf dem rein analytischen Pfad weilen.

Wie denkst du kann man die Grenze ziehen ohne gut und böse herranzuziehen, sondern beim Aspekt der Auswirkung auf den menschen und die Gesellschaft zu bleiben?

finde ich auch immer sehr interssant, die frage. die grenzen schwimmen vermutlich ein wenig von fall zu fall, aber sie liegen irgendwo auf den dimensionen von "gutem leben" und "moral". man muss die frage beantworten, wie man mit den moralischen erwartungen der anderen umgeht, wo man die grenze zieht, und man muss sich klarheit darüber verschaffen, wie sehr man die anderen für ein gutes leben braucht. letzteres wird konsequenzen dafür haben, wie sehr man die interessen der anderen berücksichtigen muss.
einen guten überblick über die philosophischen positionen findet man im 6. kapitel von "texte zur ethik", herausgegeben von dieter birnbacher und norbert hoerster bei dtv

Was Björn auch immer interessant findet, ist mir nicht klar geworden. Als Egoist musss ich mir die Frage stellen, inwieweit ich für die moralischen Erwartungen der anderen verantwortlich bin. Eher scheint mir die Frage eines Egoisten die zu sein, wie kann ich mir selbst gegenüber verantworten, was ich tue, ohne die Verantwortung anderen gegenüber auszublenden.
Es mag sich altmodisch anhören, aber vielleicht ist die Forderung Jesus die richtige: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, was dann "moderner" ausgedrückt der Kantsche Imperativ ist: Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.

Diese Fragen stellen sich Egozentrirker nicht wirklich, höchstens um von ihren "egosistischen" Interessen abzulenken. Ihr Prinzip ist: so tun als ob. Entweder ….oder. Das Prinzip eines Egositen ist: Wie kann ich mir und anderen gerecht werden? Es ist ein sowohl … als auch.

Ihr steuert beide sehr interessante Aspekte bei, doch wir treiben ein wenig vom Thema ab. Nichtdie Moral soll entscheidend sein in meiner Theorie. Ob gut oder nicht will ich noch nicht einfließen lassen, zu unklar ein Beweis dessen. Ich würde eher bei dieser Frage auf das Selbstbild des Menschen eingehen wollen. Dabei sind Fragen wie die nach der Determinierung wichtig. Wie frei sind wir, können wir das, uns selbst bestimmen, uns formen?

Diese Fragen sind wertfrei zu beantworten, denke ich. Die Frage nach Egoismus und Egozentrik scheint mir nach einigem Überlegen ohne Moral nicht beantwortbar zu sein. Schwierig wird es natürlich dann, wenn die Selbstverwirklichung den übergang in die Gesellschaft, den Punkt des Austauschs erreicht. Dort sicher wird man ohne Moral nicht mehr auskommen.

Wie die Frage nach Freiheit wertfrei zu beantworten ist , müsste mir erst einmal erklärt werden. Wir wären dann nämlich sehr schnell bei der Frage : Was ist Freiheit? Freiheit von was, Freiheit wozu, Freiheit wofür.
Wie finde ich da ohne Werte eine Antwort?

Der Kommentar oben von Jana ist auch von mir, war nur falsch eingeloggt und habs zu spät gemerkt.

Zum Thema, die Frage nach Freiheit ohne Werte zu beantworten ist denke ich nicht schwer, sondern die einzige Möglichkeit. Ob es gut oder nicht gut ist Frei zu sein, da muss eine Wertigkeit einspielen, aber erstmal nur die Möglichkeiten frei zu sein des Wesens Mensch zu klären, dafür brauch es kein Gut und Böse. Was wir dann wiederum mit dieser Freiheit anfangen bekommt wie oben schon erwähnt eine Wertigkeit sobald andere Wesen ins Spiel kommen [müssen nicht immer nur andere Menschen sein, sondern auch Tiere wie man an dem vorhandensein einer Tierethik sieht.]

Wir hatten heute ein Proseminar wo wir das Verhältnis von Sein zu Sollen bestimmen sollten. ich denke das ist auch ein Grundfrage, die dieser Text stellt. In wiefern kann das Sein der Freiheit, das Wesen bestimmt werden und wo fängt der unumgänglich Übergang zum sollen an. Was haltet ihr davon? Die Idee ist mir bei dem Seminar gekommen.

ich neige zu der klassischen auffassung, dass der übergang vom sein zum sollen logisch nicht möglich ist, wenn auch zuverlässige leute (ich glaube, searle war es) für einzelfälle versucht haben zu zeigen, dass es doch geht.
ich meine, dass man immer werte "reinstecken" muss, wenn man aus deskrpitiven aussagen ein sollen ableiten will. man kann damit aber auch gut leben, denn man kann ja die werte, die man voraussetzt, begründen, erläutern (und natürlich wieder hinterfragen). man muss eben nur auf eine LETZTbegründung verzichten, die die werte als kritikimmun ansetzt. werte zu begründen ist ein nicht endender prozess der lebensgestaltung. und das gilt natürlich auch für die wirklich interessanten fragen, die man aus nietzsche herauslesen kann.

Ich habe im Proseminar die Behauptung aufgestellt, Kant würde in seinem kategorischen Imperativ eine Zusammenführung von Sein/kategorisch und Sollen/Imperativ versuchen, bzw. anstreben. Mir wurde von der Doktorin geantwortet, Kant habe es sicher nicht gewollt aber die Möglichkeit das so einzuteilen sei schon gegeben, aber eben nicht mit Kant.

Wiederum ein sehr interessantes Thema. Eine w.irkliche LETZTbegründung wird es sowieso schwerlich in der Philosophie geben können. Aber es geht ja um das abwägen von Argumenten, also wer hat noch weitere Aspekte/Argumenete, ich komme gerade nicht weiter.

Habe heute in meinem Proseminar "Grundbegriffe der praktischen Philosophie" die evollutiv begründete Ethik von Spencer kennen gelernt, der auch keinerlei Differenzierung vornimmt zwischen Egoismus und Egozentrik. Ihm zufolge steht der Egoismus dem Altruismus gegenüber. Werde wohl darüber hier einen Artikel schreiben, ist ein interessantes Problem, schade, dass hier keiner mehr mitdiskutiert.

Dann führe ich meinen Monolog eben noch ein wenig weiter, als Skizze für spätere differenziertere Ausarbeitungen, denn das Thema finde ich sher interessant.
Also Randbemerkung: Den Text "Schiff des Theseus" miteinbeziehen. Denn das Identitätsproblem ist ein wichtiger Grundsatz in dieser Diskussion.

In der Esoterik heißt es: Wer einsam ist, ist sich selbst fern.

Josef Kirchner, Autor von:
Egoistenbibel, Egoistentraining, Die Kunst ein Egoist zu sein … meint:

„Das Motto/Lebensziel der Egoisten ist: Die Rückkehr zu sich selbst.“

Wer sich selbst, seinen Willen zu leben gefunden hat, auf welchen Wegen auch immer, ist nicht einsam!

Und deshalb halte ich „Die (egoistische) Rückkehr zu sich selbst“ als DEN Weg aus der Einsamkeit.

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