Olympia verkommt langsam zu einem Fiasko für alle Beteiligten, obwohl die Spiele noch gar nicht angefangen haben. China sieht sich massiver Proteste ausgesetzt und stellt sich, medial zelebriert, immer weiter in die Ecke der Diktatur mit überhaupt keinem Antlitz. War das Image des roten Riesen bisher zwar sicher kein positives, so kippt die Stimmung gerade und es wird nicht mehr geglaubt, dass ein Staat, der mit solch massiven Problemen kämpft, sich trotzdem auf einem insgesamt „richtigen“ Weg befindet. Demokratie braucht Zeit und China lässt sich eben nicht in 20 Jahren vom Saulus zum Paulus reformieren. Die Härte, mit der die „moderaten“ Kommunisten fernöstlicher Prägung gegen die Freiheitsliebe Tibets vorgehen und zudem eine Propagandaschlacht gegen die westlichen Medien fahren, wird auch den letzten medial beeinflussten Menschen zum potentiellen „Free-Tibet T-Shirt Träger“ machen. Vor allem, da unsere Medien diesen Fehdehandschuh der Chinesischen Staatsführung gerne aufnehmen. Dabei ist es egal, ob China legitim handelt oder nicht, denn diese Frage stellen sich unsere Medien nicht. Es werden Vorhänge aufgebaut. Das stelle ich erstmal kritiklos fest. Mir fehlt der geopolitische Hintergrund, um irgendwelche Beurteilungen vorzunehmen.

Die mediale Aufmerksamkeit der Olympischen Spiele wird zum Bumerang. Ich denke, viele an den Spielen Beteiligten würden sich um weniger Berichterstattung im Moment sicher freuen, denn diese wird zum olympischen Bumerang.

Doch frage ich mich, wen diese Propagandaschlacht wirklich trifft. Denn China wird sicher nicht unter dem Image leiden, dass die westlichen Medien gerade aufbauen. Alle westlichen Staaten, die jetzt demonstrativ den Dalai Lama treffen, oder treffen wollen, erwägen keine Vertreter zu den Olympischen Spielen zu schicken oder den Papiertiger frei zu lassen und ihn drohend gegen den chinesischen Drachen in Stellung zu bringen, wollen sie wirklich mehr, als auf den medialen Zug aufspringen? Diese Staaten sind in Zukunft darauf angewiesen mit der neuen Wirtschaftsmacht China zu kooperieren und Menschenrechte nur soweit anzuprangern, dass keine wirtschaftsfördernden Verträge platzen. Man ist mit dem roten Riesen ebenso verbunden, wie man beispielsweise mit dem menschenrechtlich auch nicht immer einwandfrei agierenden USA verbunden ist. Guantanamo ist nicht Tibet, aber wirkungsvolle Aussagen deutscher Politiker bleiben dazu ebenso aus. Menschenrechte sind ein oft teuer erkauftes Gut, das aufgrund seiner Unbezahlbarkeit, nicht für Wachstum und wirtschaftliche Beziehungen verkauft werden sollte.

Im Gegensatz zu China trifft der olympische Bumerang die westlich verwurzelten Global Player empfindlich. Diese erhoffen sich mit Olympia und der Zugkraft der Spiele Wachstum, steigende Absätze und ein tolles Image. Denn „glücklicherweise“ ist die Olympia Sponsorenschaft ein knappes Gut. Sport ist ein Geschäft und das nicht erst seit gestern. Olympia ist schon sehr früh auf die kommerzielle Welle der Massenvermarktung eines „einzigartigen“ Events aufgesprungen. Medien waren die Dampfmaschine dieses goldenen Zuges und jetzt macht man sich ernsthafte Gedanken über den Überdruck, den eben diese erzeugen. Sponsor der Olympischen Spiele in Beijing zu sein wird zum Image-Bumerang. Das mediale Interesse ist so groß wie noch nie und das einige Zeit vor den Spielen. Doch es sind nicht nur Helden und Sympathieträger des Sports, die mit Adidas ausgestattet werden, sondern auch chinesische Militärpolizisten, die wohl weniger dazu beitragen werden, den Sponsoren ein cooles, hippes und soziales Image zu geben.

Der Fackellauf des Friedens verkommt zum Spießrutenlauf. Insgeheim werden sicher schon einige Sponsoren darüber nachdenken, ihre Partnerschaften zu beenden, denn kaum etwas wiegt schwerer, als ein Vertrauensverlust der Konsumenten. Ganz so, als hätte man nichts Vernünftiges zu verkaufen, ganz so, als wäre all das Produzierte nichts wert ohne lupenreines Image. Image ist die einzige Möglichkeit medial wahrgenommen zu werden und Dinge zu verkaufen, die im Grunde genommen niemand braucht. Doch wir kaufen, weil wir mit diesen Schuhen wie der zukünftige Olympiasieger laufen, mit diesem Trikot einfach besser Fußball spielen und nur mit diesen Socken richtig lässig auf dem Center Court von Bottrop die Mädels aus der Parallelklasse beeindrucken. Gefühle lassen sich nicht erkaufen, aber konditionieren.

Der olympische Bumerang trifft sicherlich nicht die falschen Firmen und Marken. Dennoch warne ich vor Adidas-Boykott-T-Shirts und Trinkt-Pepsi-statt-Cola-Initiativen, bevor diese überhaupt gegründet werden. Dadurch wird kein Tibeter frei kommen, kein Chinese mehr seine Meinung äußern dürfen und schon gar kein Global Player an seine ethischen Grundsätze erinnert werden. Das Markenkarussell wird sich nur weiter und immer weiter drehen.

21. April 2008

Kommentare

Ich glaube nicht, dass es vor allem die westlichen Sponsoren der Olympischen Spiele sind, die denn größten Image-Schaden davon tragen, es sind im Gegenteil die westlichen Medien (in den Augen der Chinesen) und China (in den Augen der westlichen Medien).

Ausserdem kann keine Firma ernsthaft in Erwägung ziehen, das Sponsoring zu beenden. Zu viele Konsumenten, genauer 1..400.000.000 potentielle Konsumenten leben in China. Das Beispiel Carrefour zeigt, dass die Chinesen selbst zum Boykott bereit sind.

Des weiteren fehlt mir in der Debatte stets ein wichtiger Punkt: Der Westen verkennt die chinesische Kultur. Zum einen die Norm, das Gesicht seiner Mitmenschen zu wahren. Diese Norm verletzt der Westen zur Zeit ständig – allerdings im Namen der Menschenrechte zum Teil völlig zurecht – Globalisierung kann eben nicht nur Warenhandel bedeuten, sondern muss auch den Austausch, die Kritik umfassen.
Die zweite Sache ist die Bedeutung, die die Chinesen der Gemeinschaft geben, der Familie, Firma und ihrem Land geben. Sie übersetzt sich in der Ein-China-Politik und ist weniger Ausdruck eines aggressiven nach außen gerichteten Nationalismus denn eines nach innen gerichteten Sicherheitsbedürfnis.

JollyJ weist auf einen interessanten Aspekt hin: Das Sponsoring zielt auf die Chinesen, weniger auf den Rest der Welt. Der positive Effekt, der da aus einem „Durchhalten“ resultiert, das als Solidarität mit China empfunden werden kann, ist größer als ein möglicher Negativ-Effekt im Westen. Interessante Sicht.

Was ja auch auf den Punkt hinweist, den ich am Ende nur angedeutet habe. Unternehmen kalkulieren und handeln nicht ethisch. Was allerdings nicht ausschließt, dass einzelne Manager, Unternehmensführer oder Geldgeber sich nicht durchaus durch ethische Überlegungen leiten lassen, das System Unternehmen aber, muss die Zahl derjenigen, die man gewinnt gegen diejenigen die man verliert hochrechnen und daraus ökonomisch „richtige“ Schlüsse zeihen.

Ob allerdings die Rechnung aufgeht, den Chinesen zwar zu gefallen, sich aber Ablehnung bei den westlichen Konsumenten einzuhandeln, wage ich (noch) zu bezweifeln. Aber beurteilen kann ich auch das nicht. Aber dafür gibt es ja Unternehmensberater;)

Kommentarfunktion ist deaktiviert