Die Frage – Ist menschliches Handeln wirklich „ jenseits von gut und böse? – wird diese Facharbeit nicht beantworten können, doch ich habe mich mit einem Mann beschäftigt der glaubte eine Antwort gefunden zu haben: Friedrich Nietzsche.

Doch nicht seine Antworten, sondern seine vor allem Fragen beschäftigen mich, das mag einem Außenstehenden komisch vorkommen. Interessiert die Menschen doch sonst eher die Frage nach den Entwicklungen eines Denkers: Was hat er Neues gedacht, wie hat er es gedacht und warum? Nietzsche würde man aber Unrecht tun, wenn man ihn darauf reduzierte. Er war in meinen Augen vor allem ein brillianter Kritiker, dessen Ausruf: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“ (Ecce Homo, Nr1; 6,365), davon zeugt, dass ihm das Zerfetzen der Theorien früherer Philosophen mindestens ebenso wichtig war wie seine eigenen Ideen. Diese Kritik führt hin zur Entwicklung einer neuen Moral, jenseits aller bekannten Werte, und auch die möchte ich aufzeigen; neu in allen Belangen. Nicht umsonst ist Nietzsche als der Philosoph bekannt, der alles in Frage stellt und sich die Umwertung der bisherigen Werte auf die Fahnen geschrieben hat.

Ich werde der Kritik Nietzsches im Buch „Jenseits von Gut und Böse- Fünftes Hauptstück: Zur Naturgeschichte der Moral“ nachgehen und somit dem Leser eine andere Blickweise auf die Moral des neunzehnten Jahrhunderts geben, die Sicht Nietzsches. Deshalb zunächst ein kurzer Einblick in sein Leben:


Friedrich Nietzsche wird am 15.Oktober 1844 in Röcken als Sohn eines Pfarrers geboren, schon früh entdeckt er die Neigung zu schreiben. Mit zehn hatte er über fünfzig Gedichte geschrieben und mit vierzehn beginnt er seine Autobiographie, in der bereits sein Schreibtalent durchscheint. Zeitgleich wird er in Schulpforta aufgenommen, einer alten elitären Klosterschule. Nietzsche war nicht ein Kind wie jedes andere: „Das Bewusstsein des Andersseins und die Einsamkeit, das Zarathustra-Motiv, wenn man so will, das intensive Verhältnis zur Kunst, die Schwierigkeit, sich anzupassen, der Hang, einen kleinen Kreis Gleichgesinnter zu majorisieren, das feine Gefühl für die Sprache, selbst das später bei ihm so häufige Motiv des Wanderers, alles das ist mit den ersten Jugendschriften da.“ (S. 15, Z. 3-8) Von 1864 bis 1867 studiert er Theologie und klassische Philologie erst in Bonn und dann in Leipzig. Nach dem Studium meldet er sich erstmals als Freiwilliger um ersten Mal zum Militärdienst, bricht diesen aber schon nach einem Jahr ab und nimmt 1869 eine außerordentliche Professur in Basel an. Ein Jahr später bekommt er die ordentliche Professur, um dann ein halbes Jahr später ein zweites Mal in den Krieg zu ziehen, diesmal als freiwilliger Krankenpfleger.
Ende des Jahres 1870 kehrt er nach Basel zurück, 1872 erscheint sein Buch „Die Geburt der Tragödie“, 1874 bis 1876 dann: „Unzeitgemäße Betrachtungen“, in vier Teilen. Zwei Jahre später wird „Menschliches, Allzumenschliches, erster Teil“ veröffentlicht, kurz darauf gibt er seinen Lehrstuhl in Basel auf um bis zu seinem Nervenzusammenbruch 1889 durch Italien zu reisen. In diese Zeit fällt eine Reihe von Veröffentlichungen:
1880 „Menschliches, Allzumenschliches, zweiter Teil“,
1881 „Morgenröthe“,
1882 „Die fröhliche Wissenschaft“,
1883-85 „Also sprach Zarathustra“ in vier Teilen,
1886 „Jenseits von Gut und Böse“,
1887 „Zur Genealogie der Moral“,
1888 „Der Fall Wagner“, „Götzendämmerung“, „Der Antichrist“ und als letzes Werk Nietzsches „Ecce Homo“.
Am 25. August 1900 stirbt Friedrich Nietzsche in Weimar.
Das Leben dieses Philosophen lässt sich mit zwei Adjektiven gut beschreiben: einsam und unverstanden. Auch seine Schriften werden Zeit seines Lebens verschmäht, und erst nach seinem Tod erlangen sie die Beachtung, die ihnen gebührt und die Nietzsche zu einem der wichtigsten Philosophen, im guten wie im schlechten Sinne, des 20. Jahrhunderts macht.

In meiner Reflexion von Nietzsches „Naturgeschichte der Moral“ werde ich weniger auf die Kritik Nietzsches eingehen. Das Problem sehe ich eher in seiner Moral des Übermenschen, der Herrenmoral. Außerdem werde ich eine eigene Position zur Moral entwickeln, die ich leider, wegen der begrenzten Seitenzahl nur kurz erläutern kann und daraus resultierend meine Beweisführung zur Ermittlung der Moral nur grob skizziert ist.

2.1 Die Moral als Problem

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Zuerst kritisiert Nietzsche nicht die bestehende Moral, sondern den Umgang mit der Moral. Er meint, den Philosophen im Allgemeinen fehle der „Argwohn dafür, daß es hier etwas Problematisches gebe“ (S. 622 z. 18f). Nietzsches Ziel ist, eine Moral zu erschaffen, die für alle Zeiten Gültigkeit erlangt und nicht nur Ausdruck der Zeit ist, in der sie existiert. Und genau das wirft er den Philosophen vor, nur Ausdruck ihrer Zeit zu sein: „Was die Philosophen ‚Begründung der Moral‘ nannten und von sich forderten, war, im rechten Licht gesehn, nur eine gelehrte Form des guten G l a u b e n s an die herrschende Moral, ein neues Mittel ihres A u s d r u c k s “ (S. 622, Z. 19-23).

Nietzsche will damit sagen, dass alle Philosophen nichts Neues, sondern nur Altes in neuem Ausdruck oder neuer Form geschrieben hätten. Das liegt, laut Nietzsche, nur daran, weil sie die Moral nicht als Problem sähen, denn Moral müsse erst wissenschaftlich gegründet werden. Nur sei ihm das, was in Europa seiner Zeit als Wissenschaft der Moral bezeichnet werde, zu „jung, anfängerhaft, plump und grobfingrig“ (S. 621, Z. 3f). Außerdem empfindet er die Bezeichnung „Wissenschaft der Moral“ als „viel zu hochmütig und wider dem g u t e n Geschmack“ (S. 621, Z. 8f). Er will also die Moral völlig neu bestimmen, nichts als gegeben oder gesetzt betrachten, alles anzweifeln. Nietzsche verlangt nach einer Typenlehre der Moral und gibt auch die Methoden an, nach denen diese verfahren soll, natürlich nicht ohne bissige Kritik an den Philosophen, die nicht so denken wie er. Etwas „Höheres, Anspruchsvolleres, Feierlicheres“ (S. 621, Z. 22f) will Nietzsche nicht schaffen, er kann über Philosophen, die etwas Derartiges in ihrer angeblichen Begründung der Moral finden wollen, nur „lachen“ (S. 621, Z.21).

Nietzsche geht sogar so weit, den Philosophen Phantasterei vorzuwerfen: „Gerade dadurch, daß die Moral-Philosophen die moralischen Fakta nur gröblich, in einem willkürlichen Auszuge oder als zufällige Abkürzung kannten“ (S. 622, Z. 5-8).

Ihm missfällt, dass die Philosophen die moralischen Fakten nicht genügend kennen würden und daraus resultierend, dass ihre Moraltheorien dann nur frei erfunden seien, ohne wissenschaftliche Grundlage, also nur Phantasterei.

Sein Weg zur Moral liest sich nicht heroisch und so gar nicht feierlich, sondern ganz bodenständig und wissenschaftlich: „Man sollte, in aller Strenge, sich eingestehn, was hier auf lange hinaus noch not tut, was vorläufig allein recht hat: nämlich Sammlung des Materials, begriffliche Fassung und Zusammenordnung eines ungeheuren Reiches zarter Wertgefühle und Wertunterschiede, welche leben, wachsen, zeugen und zugrunde gehn, – und, vielleicht Versuche, die wiederkehrenden und häufigeren Gestaltungen dieser lebenden Kristallisation anschaulich zu machen.“ (S. 621, Z. 10-18)

Hier macht Nietzsche deutlich, dass die vielen Wertgefühle und –unterschiede untersucht werden müssen. Durch Ordnung dieser Vielfalt könne man eine Typenlehre der Moral erreichen. Dies alles müsse getan werden, da alle Moralen der Philosophen vergänglich seien und es Ziel sein müsse, eine allgemein gültige Moral zu finden. Moralisches Empfinden könne falsch sein, die Moral selbst aber nur echt.

Nietzsche ist der Erste, dem dieses Problem auffällt. Zumindest denkt Nietzsche das und fühlt sich dazu berufen alle moralischen Verfehlungen bis zu seiner Zeit aufzuzeigen und anzuprangern. Das versucht er auf verschiedene Art und Weise. Zum einen versucht er die Verfasser dieser Moralen anzugreifen, zum anderen aufzuzeigen, dass eben diese Moralen unmoralisch seien, indem er sie zurückführt auf ihre Grundlagen. Die Beweisführung Nietzsches soll in der vorliegenden Arbeit ausgeführt werden.

2.2 Was sagt die Behauptung der Moral über ihren „Behaupter“ aus?

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Nachdem Nietzsche erst nur von den Philosophen und ihren Verfehlungen gesprochen hat, greift er jetzt fünf Philosophen persönlich an: Schopenhauer, den er sonst als Vorbild gesehen hat, Kant, Descartes und sogar Platon und Sokrates werden direkt kritisiert.

Nietzsche stellt die These auf, dass man von den Moralen der Philosophen auf ihre Person und Beweggründe schließen kann: „was sagt eine solche Behauptung von dem sie Behauptenden aus?“ (S. 623, Z. 20f) Nietzsche will sagen, dass die Moralbehauptungen der Philosophen nicht der Menschheit nützen, sondern dem Philosophen, der sie aufstellt: „diese Moral dient ihrem Urheber“ (S. 623, Z. 27f), sie sei nur Selbstschutz, Rechtfertigung des eigenen Handelns: „Es gibt Moralen, welche ihren Urheber vor andern rechtfertigen sollen; andre Moralen sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen; mit andern will er sich selbst ans Kreuz schlagen und demütigen; mit andern will er Rache üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklären und hinaus in die Höhe und Ferne setzen“ (S. 623, Z. 20-27).

Nietzsche nach seien also alle jemals aufgestellten Moralen nur Ausdruck der Bedürfnisse des Verfassers, aber nicht wissenschaftlich erlangte Wahrheit. Für ihn also nur verachtenswertes Geschwafel und nicht die Moral: „ kurz, die Moralen sind nur eine Z e i c h e n s p r a c h e d e r A f f e k t e.“ (S. 624, Z. 1f) Nietzsche sieht die bestehenden Moralen also als Produkt des Zufalls und der Phantasie einiger Philosophen, die für ihn stellvertretend für die Verfehlungen der Menschen in Bezug auf die Moral stehen. Denn die Affekte sind es, die den Menschen verleiten und ihn von der Brücke zum Übermenschen abhalten. Das aber wird in diesem Kapitel zur Naturgeschichte der Moral nicht näher erläutert, sondern in seinem Werk „Also sprach Zarathustra“.

2.3 Die Moral als Tyrannei gegen die „Natur“

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Scheinbar gegensätzlich zur Moral steht der Satz: „Jede Moral ist, […] ein Stück Tyrannei gegen die ‚Natur’, auch gegen die ‚Vernunft’“ (S. 624, Z. 4f). Nietzsche erklärt aber sogleich, dass dies „kein Einwand gegen sie“ (S. 624, Z. 6) sei. Nur aus irgendeiner anderen Moral, die nicht begründet ist, könne abgeleitet werden, dass „Tyrannei und Unvernunft unerlaubt sei[en]“ (S. 624, Z. 8f). Des Weiteren sei das Wesentliche der Moral, dass ihr Zwang zu Grunde liege. Daraus schließt Nietzsche, dass Freiheit nur durch eben diesen Zwang zu erlangen sei: „Der wunderliche Tatbestand ist aber, daß alles, was es von Freiheit […] gibt […] sich erst vermöge der ‚Tyrannei solcher Willkür-Gesetze’ entwickelt hat“ (S. 624, Z. 22-28). Damit widerspricht er den „utilitarische[n] Tölpel[n]“ (S. 624, Z. 19) und den „Anarchisten“ (S. 624, Z. 21), die meinen, nur durch die Überwindung dieser Willkür-Gesetze könne es Freiheit geben.

Als Beispiel und Festigung seiner Aussage führt Nietzsche das Beispiel eines Künstlers an, der wisse, „wie fern vom Gefühl des Sich-gehen-lassens sein ‚natürlichster’ Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den Augenblicken der ‚Inspiration’, – und wie streng und fein er gerade da tausendfältigen Gesetzen gehorcht “ (S. 624, Z. 31 – S. 625, Z. 3).

Nietzsche bringt seine Forderung an die Moral auf den Punkt und sagt, dass nur, wenn „lange und in e i n e r Richtung g e h o r c h t werde“ (S. 625, Z. 8f) ein moralisches Handeln zustande kommen könne. Noch genauer: „Du sollst gehorchen, irgend wem, und auf lange: s o n s t gehst du zugrunde und verlierst die letzte Achtung vor dir selbst“ (S. 626, Z. 15ff). Das ist Nietzsches Imperativ der Natur, der weder kategorisch ist, noch sich an den Einzelnen wendet, wie der von Immanuel Kant, sondern sich an das „ganze Tier ‚Mensch’, an den Menschen“ (S. 626, Z. 23) richtet.

Nietzsche räumt zwar ein, „daß dabei ebenfalls unersetzbar viel an Kraft und Geist erdrückt, erstickt und verdorben“ (S. 625, Z. 26f) worden sei, aber „die Sklaverei ist, wie es scheint, im gröberen und feineren Verstande das unentbehrliche Mittel“ (S. 626, Z. 6ff). Auch wenn man die Geschichte betrachte, könne man sehen, dass instinktiv nach diesem Prinzip gehandelt worden ist, so ziehe sich das „Fasten“ (S. 626, Z. 33) durch die Geschichte und sei schon in der „antiken Welt reichlich wahrzunehmen“ (S. 626, Z. 31). Dieses Prinzip des Fastens sei ein Zwang, sich selbst zu überlisten, damit der „Trieb […] hungern lernt.“ (S. 627, Z. 3f). Dadurch sei zum Beispiel der Sonntag entstanden, der so langweilig gestaltet worden ist, dass die arbeitende Bevölkerung wieder nach dem Werktage „lüstern wird“ (S. 626, Z. 29).

Dieses Selbstüberlisten findet Nietzsche auch in der Philosophie des Sokrates. Dieser „brachte sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstüberlistung zufrieden zu geben“ (S. 629, Z. 6ff). Mit der Selbstüberlistung bzw. dem Ergebnis dieses Zwanges beschäftigt sich Nietzsche erst gar nicht. Er will mit diesen Beispielen nur seinen Imperativ untermauern, aber nicht wie Sokrates, Platon oder die Christen, die diesen Zwang als Glaube an Gott auslegen. Wenn es um die wissenschaftliche Bestimmung der Moral geht, wird „der Vernunft allein Autorität zuerkannt[e]“ (S. 629, Z. 21), denn allein die Vernunft ist in der Lage die Moral wissenschaftlich zu erfassen und zu konstruieren.

2.4 Der Sklaven-Aufstand in der Moral

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In diesem Kapitel geht es wieder um beides: Frage und Antwort. Antworten im Hinblick auf die Moral Nietzsches, die Herrenmoral, und die Frage, die Nietzsche an die Welt stellt: Warum diese Sklavenmoral? Auch eine wichtige Antwort im Hinblick auf Nietzsche selbst gibt uns dieses Kapitel. Hier wird beantwortet, warum die Umwälzung aller Werte sein Antrieb ist. Er will den Zustand wiederherstellen, der vor dem Sklaven-Aufstand in der Moral geherrscht hat:

Den Ursprung der Sklavenmoral sucht und findet Nietzsche im Judentum. Die Behauptung: „Die Juden – ein Volk, ‚geboren zur Sklaverei’“ (S. 633, Z.20) versucht Nietzsche zu begründen, indem er ihnen die „Umkehrung der Werte“ (S. 633, Z. 23f) vorwirft. Sie haben das „Wort ‚Welt’ zu einem Schandwort gemünzt“ (S. 633, Z. 29), in dem sie „ ‚reich’, ‚gottlos’, ‚böse’, ‚gewalttätig’, ‚sinnlich’ in Eins geschmolzen“ (S. 633, Z. 27f) hätten. Als Beispiel führt er an, dass im Judentum „das Wort für ‚Arm’ als synonym mit ‚Heilig’ und ‚Freund’ zu brauchen“ (S. 633, Z. 30f) ist.
Da das Christentum aus dem Judentum resultiere und doch viele der Werte übernommen habe, vor allem aber, und das ist hier entscheidend, die Grundlage zu glauben, ziehe sich diese Sklavenmoral bis heute durch Europa. Durch die Umkehrung der Werte seien merkwürdige Eigenarten entstanden. Doch eigentlich sucht Nietzsche nur die Grundlage der Moralen, um nachzuweisen, dass sie unmoralisch sei. Diese Grundlage hat er gefunden. Die weiteren Ausführungen beschäftigen sich mit den Folgen des Sklavenaufstands. Nietzsche zeigt dann die Entwicklung der Moralen von der Grundlage zu ihrer noch heute bestehenden Form.

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27. Mai 2004