Diese Meldung habe ich im Cicero gefunden und möchte ein paar Zeilen dazu schreiben. Dabei will ich gar nicht auf die eigentliche Debatte eingehen, also ob Gotteslästerung/ Blasphemie aus dem Rechtskatalog gestrichen werden sollte oder nicht. Ich will vielmehr die Worte Becksteins „erschreckenden Ausdruck eines fundamentalen Werteverfalls“ einmal prüfen.

Wenn man in der Wikipedia einmal Werteverfall eingibt sieht man schon die Richtung auf die ich hinweisen möchte. Genau, dieser Terminus ist nicht vorhanden. Vielmehr wird man auf den Begriff Wertewandel weitergeleitet.

Warum, das wird gleich deutlich. So schreibt die Wikipedia was Wertewandel sei:

„Mit sich ändernden Denkstilen werden alte Begründungen als unlogisch, ’nur‘ religiös begründet oder nutzlos empfunden, und entsprechende Wertvorstellungen (zum Beispiel Schamhaftigkeit, Feiertagsheiligung, Nahrungstabus) entfallen im Laufe der Zeit bzw. werden neben abweichenden neuen allenfalls toleriert.“

Werteverfall ist immer synchron einhergehend mit der Bildung neuer Werte. Niemals schwindet die Zahl der Werte in einer Gesellschaft, jeder „Verfall“ wird durch Neubildung oder stärker werden eines anderen Wertes kompensiert. Den eigentlichen Werteverfall gibt es nicht. Dieses Wort kann allenfalls persönlich, subjektiv, aber niemals als Angriff auf einen anderen benutzt werden.

Es gibt zwar die Theorie von Frau Noelle-Neumann, die den Werteverfall wissenschaftlich belegt haben will, aber heute gilt diese Theorie als widerlegt. Sie versucht in ihrer Beschreibung des Wertewandels der Generation um 68 herum, einen Verfall auszumachen, indem sie die Werte wie Religion, Kirche, Normen und Autorität als unveränderliche Werte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt konstatiert. Doch als feststehende Werte werden wissenschaftlich nur solche anerkannt, die sich wirklich nicht ändern, so wie der Wert des „nicht töten dürfens“. Zudem hat die gesellschaftliche Entwicklung seit 1968 Noelle-Neumann widerlegt.

Werteverfall ist also ein Begriff, der individuell genutzt werden kann, aber sicherlich nicht gesellschaftlich verallgemeinernd oder als Angriff auf die gegnerische politische Partei. Herr Beckstein, entschuldigen sie, dass sie als referenzobjekt von mir missbraucht wurden. Es wäre sicher ein leichtes hier eine Liste von über 100 Politikern aufzumachen, die diesen Begriff schon falsch genutzt haben. Auch wenn Herr Beckstein, vermutlich diese Liste anführen würde, gefolgt von einigen seiner CSU-Kollegen, ist das Spekulation

Für diejenigen, die jetzt frohlocken. Bitte schaut euch mal genauer die Nachrichten in der Zeitung an, es wird nicht ein Tag aufmerksamen Lesens vergehen, an dem ihr nicht auch einen Vertreter eurer favorisierten Partei mit einer ähnlich unbedachten Äußerung dieses Begriffs finden werden.

Ein Hinweis: Dieser Artikel wird noch einmal thematisiert und ich räume einige Fehler in meiner Argumentation aus: „Normative- und deskriptive Aussagen: Kategorienfehler vorprogramiert“ Bitte auch diesen text lesen, da sonst ein falsches Bild entsteht.

# # # # # # # # # #

1. Dezember 2006

Kommentare

Alles hübsch und bunt bebildert – und ein guter Beitrag obendrein.

Über Werte hab ich schon viel nachgedacht, aber nicht über Werteverfall. Wie siehts denn mit anderen Verfallswörtern aus?
ZB Verfallsdatum. Da bedeutet Verfall doch "überholt", "veraltet".
Ist das mit Werteverfall nicht auch gemeint?
Also im aktuellen Beispiel: Der Paragraph ist nicht mehr zeitgemäß? Deshalb wird wohl in der Wikipatria auf ‚Wertewandel‘ weiter geleitet.

Nein ist es nicht! Subjektiv wird dieses Wort genau so gebraucht, wie du oben beschreibst. Aber sonst, alle Werte kommen irgendwann wieder. Die meisten zumindest. Gott wird nie aussterben, sag ich mal so herraus. Ob er wirklich existiert oder nicht, darüber sagt das auch nichts. Nur die Vorstellung eines Metaphysischen Grundes, einer ersten Ursache, das wird nicht vorüber gehen. Ob solche Vorstellungen in unsere Gesetze gehören, das, ja das mag überholt sein. Aber die Werte verfallen ja nicht, wie die Milch nach einer gewissen Zeit, sondern, sie scheinen nur in zeitweise nicht mehr gebraucht.

Danke für das Lob übrigens. Ists warm in Florida?

"die Vorstellung eines Metaphysischen Grundes, einer ersten Ursache, das wird nicht vorüber gehen" – stimme ich zu. Aber ist diese Vorstellung ein Wert?
Gott, so wie er von Christen (CDU ect.) definiert wird, ist ein Konstrukt, um bestimmte Werte zu stützen (Stichwort: 10 Gebote). Gott an sich, oder die Gottesvorstellung ist kein Wert, allenfalls die Regeln, genannt Tugenden, die damit verbunden werden: Tu Gutes, sei ehrlich, usw. Wenn solche Regeln weniger eingehalten werden, spricht man vom Werteverfall. Unabhängig von der Gottesvorstellung.

Dem entsprechend verfallen die Werte in einer Gemeinschaft, die zB immer krimineller wird. Ein Beispiel wäre eine Meuterei auf einem Schiff: da verfallen die ursprünglichen Werte in der Tat.

Ja, in Florida ist es sonnig und warm, blauer Himmel und blauer See, wenn ich am Bildschirm vorbei schaue.

Kommt darauf an ob du mit dieser Vorstellung eine normative Anforderung verbindest oder nicht. Allerdings gibt es keine religion auf dieser Welt, die nicht aus ihrer Vorstellung von Gott auch irgendwelche Werte ableitet.
So Nein die vorstellung alleine ist noch kein Wert.

Aber auch bei der Meuterei musst du fragen, von wo aus gesehen ist es ein Werteverfall? Beschreibend ist es nur eine veränderung der Werte, nicht ein verlieren von Werten. Mit einer normativen Voreinstellung kann man von Verfall sprechen, aber diese Voreinstellung muss dafür erstmal gerechtfertigt sein um diese als Argument auch inter-subjektiv anerkannt werden zu lassen und somit von Werteverfall zu sprechen.

Was meinst du denn mit "normativ"? Verwendest du dieses Wort als Fachbegriff oder ist er mit "normal, Standard" ersetzbar? Wenn als Fachbegriff, dann bitte ich um die Definition.

Zur Meuterei: ist egal von welcher Seite man sie betrachtet; der Bezug ist immer der Kontext der Werte, also das Paradigma in dem sie gelten.

Bestimmte Werte, die auf einem Schiff o h n e Meuterei gelten, können zwar als Werte der Beteiligten weiterhin gültig sein, liegen aber (evtl. vorübergehend) den Handlungen der Meuterer nicht zu Grunde. Ist das kein Werteverfall? Es ist weder eine Veränderung der Werte, noch ein Verlieren, sondern ein bewusstes "sich-darüber-hinweg setzen". Was doch einem Verfall gleich kommt. Und g e r a d e von allen Seiten aus betrachtet.

Aber mit Verfall drückst du einen Wert aus. Das Wort in diesem Zusammenhang ist nur normativ zu gebrauchen. Fakt ist doch, das sich die Werte verändern, sich wandeln. Ob sie verfallen, also ein Wert, der als wichtig gewertet ist, wenn der sich wandelt und schwächer wird, dann verfällt er. Aber dass selbst ist doch eine Wertung. Wo will man da anfangen? Welche Werte sin wichtig und verfallen, wenn sie weniger wichtig werden und welche wandeln sich nur?

Kommentarfunktion ist deaktiviert