Finde deinen Style!

Der individualistische Imperativ der Moderne lautet: Sei du selbst, um jeden Preis! Und er verfolgt uns bis in den letzten Winkel unseres Seins, ist immer anwesend wie in früheren Zeiten das wachsame Auge Gottes. Dieser Imperativ folgt uns selbst in unsere düstersten Alpträume und Momente des größten Glücks. Er ist so allgegenwärtig geworden, dass er uns in all seinem Kitsch gar nicht mehr auffällt, zu leger kommt er daher, zu bieder haben wir ihn schon zu Kaugummi unseres gesellschaftlichen Wiederkäuens gemacht. Beispiele fänden sich viele, denken Sie nur an die nächsten Ziele ihres Lebens und die Gründe, die sie auf hartnäckige Nachfrage dafür angeben würden, liebe Leser.

Es wird viel geschrieben über die Flüche unserer Zeit, die funktionalen Notwendigkeiten, die Arbeit, die uns ausbrennt, frisst, fast vernichtet und bei all diesen Bürden und systemischen Erwartungen vermeiden wir den Blick auf das Wesentliche: wir erwarten, dass man uns in Ruhe lässt, damit wir uns verwirklichen können, denn das zählt doch wohl im Leben, oder etwa nicht?

Die Große Freiheit des Individuums ist zur großen Depression angewachsen. Lass mich in Ruhe ich muss mich selbst finden ist das Credo des Depressiven, der den Stil der Melancholie verloren hat. Hier wäre sicher ein weiteres Phänomen gut angemerkt: der inflationäre Gebrauch der Depression als Erklärung für alles. Wir Burnen Out bevor wir überhaupt wissen, wer wir eigentlich sind. Aber warum wissen wir eigentlich nicht mehr, wer wir sind? Wussten wir das überhaupt Mal? Denn früher war das auch nicht anders, fürchte ich. Kein Stück eines Kulturpessimisten.

Aber warum fällt uns denn nicht mehr ein, als sich kurz mal aufzuregen, wenn die eigene Kultur so cool persifliert und gedemütigt wird, wie in folgendem Werbespot des Mobilfunkproviders Base, die mir die Gänsehaut selbst auf die Fußsohlen treibt:

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Das Ich als die Entscheidung zwischen Android und iPhone, zwischen Mac und PC, zwischen Armani und Boss, zwischen Mercedes und Audi, zwischen Karriere und Kind, zwischen Geschlecht und Sex? Soll es das sein, was wir schlucken, weil wir es nicht besser wissen, zu faul sind geworden sind, oder schon immer waren, ein klein bisschen herauszutreten aus dem Wirrwar der entindividualisierenden Individualisierung durch Konsum und vernichtendem Äußeren der Hülle des Selbst, das sich extendet bis es nicht mehr merkt, dass es sich die ganze Zeit nur selbst angeschissen hat. Dünn, zähflüssig und verdammt übel riechend.

Versteht mich nicht falsch, ich finde die Möglichkeit endlich mein eigenes Müsli zusammenstellen zu können und nicht mehr diese widerlichen getrockneten Bananenstückchen aussortieren zu müssen, ebenso phantastisch wie die Auswahlmöglichkeit bei Kaffeesorten aus aller Welt. Ich will nicht reduzieren, ich will das alles und noch viel mehr. Ich will, dass Wollen nicht mehr auf plumpes Drumherum reduziert wird, ich will, dass mehr gewollt wird und weniger versteckt. Ich will, dass Aufklärung und Fortschritt nicht der Aufklärung im Sinne eines humankapitalistischen Klugscheißens und Fortschritt als altbackene Erkenntnis im neuen Design verstanden wird, ich will mehr Wollen.

Weniger multikulturellen und rebellischen Konformismus in Politik, Kultur und Gesellschaft, in Wissenschaft und Arbeitsleben, der nur wartet auf die ach so freie Freizeit und sich selbst zu finden. Denn dieses Selbst findet nichts außer dem nihilistischen Konformismus, der die Fratze des Anders-Seins als Karnevalsmaske umherträgt und selbst im Spiegel nicht den Mut aufbringt, herzhaft zu lachen über diese Tragödie.

Ironie, Sarkasmus, Distanz und Spiel sind die Begleiterscheinungen des hier beschriebenen Phänomens und doch halte ich genau diese für die einzige Möglichkeit, sich nicht mehr ständig zu suchen, sondern in einem so geprägten Tun zu haben. Lasst uns etwas mehr spielen, ob jetzt mit dem Hip Hop, mit den Apps oder mit unserem Chef, Doktorvater, Vater, Mutter, Psychiater und Freund. Mit unserem Selbst, verdammte Axt.