Erster Teil des hier beschreibenen Dialogs. Der Versuch zweier Blogger einen Beitrag zusammen zu verfassen. onezblog und people in motion. In Dialogform und über beide Blogs verteilt. In vier Teilen. Wir hoffen es findet Anklang und es beißen sich einige geneigte Leser durch alle vier Teile und diskutieren mit uns über die Inhalte. Ein Experimet des politischen Diskurses.

soeren onez:
Man hört und liest immer wieder von der fortschreitenden Individualisierung, aber ich frage mich wirklich, wie all die „Experten“ darauf kommen. Nur weil viel mehr Menschen alleine wohnen, heißt das doch noch lange nicht, sie seien auch individueller. Ich sehe in unserer Gesellschaft eher den entgegengesetzten Trend, weg von der Person, denn du bist dein Handy, dein Klingelton, deine Klamotten, dein Auto. Diese Aufzählung lässt sich synchron zur Liste zivilisatorischer Errungenschaften erweitern. Paradox, dass genau dies als Indiz unseres großen Zeitalters der Selbstfindung betrachtet wird.

people in motion:
Mit dem Aspekt der Entindividualisierung in der modernen Gesellschaft sprichst du einen der fundamentalsten Einflüsse des kapitalistischen Systems auf den Menschen an.

Der Kapitalismus hat im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte – die Ursprünge reichen natürlich weiter zurück – unser gesellschaftliches und soziales Leben erobert und durchdrungen. Hierbei hat er dem Arbeiter die Würde und das individuell schöpferische genommen in dem er ihn ans Fließband gestellt hat, wo er von nun an nur noch eine kleine unbedeutende Schraube des riesigen undurchschaubaren Komplexes ist.

Gleichzeitig wurde die Bedeutung der materiellen Umstände stark übersteigert, denn der Mensch ist nur was Wert, wenn der Kapitalmarkt ihn braucht. Mit einem Wertlosen will natürlich niemand was zu tun haben. Hast du was, bist du was. Stichwort Humankapital. Wie verhält sich wohl ein Mensch der unbedingt zeigen will das er nach diesen kapitalistischen Gesichtspunkten etwas zu bieten hat? Er arbeitet, konsumiert und wenn er zwischendurch merkt, dass trotzdem die Befriedigung fehlt, dann lässt er sich unterhalten. Somit wäre Lebensstil und Wertempfinden stark entindividualisiert. Was den Grundsatz bildet. Aber damit nicht genug, denn um den Menschen für den Kapitalismus voll nutzbar zu machen, muss er am besten auch noch ein genormten Geschmack besitzen, damit der Verkaufsprozess auch bloß reibungslos abläuft. Da kommt dann die Medien- und Werbeindustrie ins Spiel. Sie manipuliert gezielt und verkauft ein Idealbild, das nicht realistisch ist. Denn für die, die es noch immer nicht verstanden haben: durch die neuesten Produkte wirst du nicht jung, schön und glücklich!

Also ich stimme dir voll und ganz zu. Unsere Vorstellung eines freien, unabhängigen und individuellen Lebens in der modernen Gesellschaft ist eine Illusion. Sicherlich muss man nicht darauf rein fallen, aber von früher Kindheit hinein gewachsen, ist es nicht jedem gegeben sich und die Gesellschaft später soweit zu hinterfragen. Umso schlimmer ist es, dass dieser Prozesse sich selbst unterstützt, denn diesem modernen Einheits-Menschen wird es immer schwieriger, über sein eigenes System zu reflektieren und am Ende regiert der Kapitalismus den Menschen.

soeren onez:
Ich muss dich in einem Punkt in Frage stellen: Ich bin mir nicht so sicher, ob das alles der „böse“ Kapitalismus bewerkstelligt, oder nicht doch eher der „dumme“ Mensch. Hat der Mensch nicht einfach das System, welches er auch verdient? Es ist doch die Frage nach dem Ei und dem Huhn. Wer war wohl zuerst da? Ohne Mensch kein System, allerdings ist Menschheit auch nicht ohne System zu denken. Doch wem verdankt das System seine Eigenschaften? Zumal es noch „böse“ genannt wird und doch eigentlich nur menschliche Handlungen als gut und böse bewertet werden. Ist es nicht vielmehr eine Ausrede der verantwortlichen Menschen, dass System Kapitalismus „böse“ zu nennen? Verantwortlich sind wir dabei alle.

people in motion:
Zuerst einmal möchte ich betonen, dass ich den Kapitalismus, die riesigen Firmen und Aktiengesellschaften sind Zeugen seiner Effektivität, niemals als „böse“ bezeichnen würde, denn Zahlen haben nichts mit Moral zu tun. Allerdings unterspült er die Grundlagen menschlichen Lebens, vom Staatenwesen und der Demokratie bis hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Natürlich sichert auch das kapitalistische System, wie alle vorigen Systeme, einer kleinen Schicht von Menschen unvorstellbare Macht und Reichtümer, aber im Grunde sind auch sie nur Sklaven.

Die Geschichte der Menschheit ist eine Entwicklung und ich glaube, dass unsere heutige Gesellschaft für ein derart liberales Wirtschaftssystem noch nicht reif ist, denn der Mensch will nicht begreifen, dass Wohlstand kein Glück bedeutet.

Eine Lösung dieser Problematik kann also nur innerhalb jedes einzelnen Menschen gefunden werden, denn abgeschafft wird der Kapitalismus so schnell sicher nicht. Finden kann er sie nur in dem er nach wahrem Glück sucht. Was könnte also ein Staat für seine vom System versklavten Bürger tun, wenn er schon das System als solches nicht ändern kann?

Ein Staat muss eine ausgeprägte Persönlichkeit und innere Festigkeit unterstützen, die dem Menschen Ausgangspunkt ist um jenseits materieller Scheinwerte ein Glück in seinem Leben zu finden. Dieser „reife Mensch“ kann nur über Erziehung und Bildung erreicht werden. Er wäre nicht Opfer des Kapitalismus, da seine Werte außerhalb des Einflussbereichs der Regeln des Systems liegen.

Wenn ich mich allerdings in unseren Schulen mit etwa 30 Schülern pro Klasse umschaue oder den Stand familiärer Bindungen in unserem Land beobachte, dann zweifle ich an der Welt, in der unsere Kinder groß werden müssen. Ich glaube hier müssen ganz klar die Prioritäten unserer Politik überdacht werden.

soeren onez:
Du weist auf das Reifestadium der Menschheit hin und ich denke dort liegt wirklich das Problem. Sicher ist es einfacher die Globalisierung oder den Kapitalismus anzuschwärzen, aber die eigentliche Verantwortung liegt doch eben bei den Menschen und nicht bei einem System. Ob ich dich da richtig verstanden habe werden wir nächsten Dienstag, dem 29. Mai im zweiten Teil unserer Diskussion erörtern. „Mensch oder System?“ wird auf people in motion erscheinen.

# # # # # # # # #

22. Mai 2007

Kommentare

Die Worte von soeren onez:

[i]"Ich sehe in unserer Gesellschaft eher den entgegengesetzten Trend, weg von der Person, denn du bist dein Handy, dein Klingelton, deine Klamotten, dein Auto."[/i]

erinnerten mich sofort an einen Auszug des Abschiedsbriefes des Amokläufers von Emsdetten ResistantX aka Bastian B.:

[i]"Das einzigste was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe war, das ich ein Verlierer bin. Für die ersten jahre an der GSS stimmt das sogar, ich war der Konsumgeilheit verfallen, habe danach gestrebt Freunde zu bekommen, Menschen die dich nicht als Person, sondern als Statussymbol sehen. Aber dann bin ich aufgewacht! Ich erkannte das die Welt wie sie mir erschien nicht existiert, das sie eine Illusion war, die hauptsächlich von den Medien erzeugt wurde. Ich merkte mehr und mehr in was für einer Welt ich mich befand. Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule ging es nur darum. Man musste das neuste Handy haben, die neusten Klamotten, und die richtigen “Freunde”. hat man eines davon nicht ist man es nicht wert beachtet zu werden. Und diese Menschen nennt man Jocks. Jocks sind alle, die meinen aufgrund von teuren Klamotten oder schönen Mädchen an der Seite über anderen zu stehen. Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen."[/i]

Als Ursache für den Amoklauf wurde öffentlich hauptsächlich nur über die sogenannten "Killerspiele" diskutiert. Ein Verbot dieser Spiele wird von einigen unserer Politiker heute noch ab und zu gefordert. Ich habe allerdings von diesen Leuten nie gehört, dass sie nach einem Verbot von ausuferndem Kapitalismus gerufen hätten…

Interessante Dialogform.

Habe leider gerade nicht die Zeit, um auf alles einzugehen. Eine Sache ist mir aber aufgefallen: Ihr sprecht von Entindividualisierung, was ich für falsch halte, denn das setzt eine vorangegangene Individualisierung vorraus. Wäre denn nicht "Nichtindividualisierung" der treffendere Begriff?

Softanarcho, ich habe nicht ganz verstanden, worauf du hinweisen möchtest. Kannst du das bitte ein wenig ausführen? Ich spreche mit diesem Konsumwahn eben den von Markus kritisierten Entindividualisierungsprozess an. Marken um dem Ego ausweichen zu können. Der Begriff ist wirklich ein wenig wage gehalten, doch ich denke nicht ihn ersetzen zu müssen. Eine jede Persönlichkeitsbildung, ein Heranwachsen, setzt einen Individualisierungsprozess voraus. Deshalb denke ich auch, vom einer Entindividualisierung sprechen zu können. Kinder sind zum Teil um einiges individueller als wir Erwachsenen. Zwar sprechen auch diese sehr stark auf Gruppendynamiken an, das markenbewusstsein und der Konsum in der oben genannten Hinsicht setzt aber doch erst mit der Pubertät richtig ein.

Natürlich wäre auch deine Begriffswahl richtig und in gewisser Weise auch genauer, denn ich will auch damit andeuten, dass es ein großer Fehler ist, die Persönlichkeit nicht voll auszubilden. Die Frage dabei ist, wie man Individualisierung definiert. Ich wollte nicht eine so starken Definition, deshalb habe ich den Begriff so gewählt. Aber darüber lässt sich sicher streiten. Es kommen ja auch noch drei Teile. Wir freuen uns auf rege Diskussion. Zerfetzt uns, wenn es sein muss;)

Hallo soeren,

offensichtlich ist der Amokläufer von Emsdetten (ResistantX alias Bastian B.) zu einem großen Teil von dem "Konsumwahn", dem ausufernden Kapitalismus, sowie der dahinter stehenden Einstellung seiner "Mitmenschen" zu der Tat animiert worden. Das entnehme ich jedenfalls seinen Worten im Abschiedsbrief.

Vielleicht war er zu jung, um einen anderen Ausweg als Mord und Selbstmord zu sehen- vielleicht hätte er aber auch in einer Gesellschaft mit anderen Prioritäten als unserer früher Hilfe gefunden.

Die Ausgrenzung von Einzelnen (ob zwangsweise oder freiwillig) aus dieser, durch den globalen Kapitalismus immer stärker geprägten "Verbrauchergesellschaft" wird meiner Ansicht nach noch etwas zunehmen, bevor ein allgemeines Umdenken stattfinden kann. Das zeigt sich auch in den Lösungsversuchen einiger Politiker, die auf erdachte Symptome wie Killerspiele schimpfen, aber die Krankheit (UNsoziale Marktwirtschaft) [b]niemals[/b] zu kritisieren wagen.

Mit Gruß (freundlichem)

softanarcho

[i]Hierbei hat er dem Arbeiter die Würde und das individuell schöpferische genommen in dem er ihn ans Fließband gestellt hat[/i]
Der Inhalt dieser Aussage ist zu alt, um die heutige Situation beschreiben zu können. Ich habe zwar keine Zahlen, doch glaube ich nicht, dass heute noch die überwiegende Mehrheit der Menschen in den Industienationen am Fließband arbeitet. Und hier den Grund für eine Entindividualisierung zu sehen, halte ich für einen Fehler, denn er lenkt von den tatsächlichen Problemen ab, welche leider etwas komplizierter sind. Betrachten wir es doch mal so:

Der Kapitalismus hat die dezentrale Arbeit zentralisiert und dadurch eine Produktionssteigerung mit Hilfe von Arbeitsteilung gewonnen. Diese Produktionssteigerung führte dazu, dass die Menschen insgesamt in mehr Wohlstand leben als zuvor, zumindest in den Industrienationen. Nebenbei wurden auch Sozialsysteme errichtet und insgesamt die Bildung unter der Bevölkerung um einiges erhöht, sogar hohe Bildung wurde für viel mehr Menschen zugänglich gemacht. Das hierbei Wohlstand mit Glück verwechselt wird, darf an diesem Punkt so lange vergessen werden, bis jemand nachweisen kann, was Glück tatsächlich ist und dass es Wohlstand tatsächlich nicht ist. Fakt ist nämlich auch, dass die Möglichkeiten der individuellen Lebensgestaltung gestiegen sind, was jedoch nicht direkt mit mehr Gütern des Kapitalismus zu tun hat, sondern mit dem Mehr an Wissen über andere Kulturen, Religionen und Lebensweisen, welche uns die Geisteswissenschaten und die Kommunikationstechnologie zugänglich gemacht haben. Was wir jedoch jetzt, durch fortgeschrittene Informationstechnologien feststellen, ist dass es gar nicht so viele verschiedene Menschentypen gibt, wie man es sich bisher vorgestellt hat. Dadurch nämlich, dass durch die Informationstechnologien auch der Informationsraum (der Raum mit dem wir agieren und über dem wir Informationen besitzen), immer größer geworden ist, fanden sich auch immer mehr ganz ähnliche Menschen. Nichts anderes erkennt man jetzt im Internet, wenn sich alle möglichen Individuen, welche vorher vielleicht zu einer imaginären Subgruppe gehörten, nun in Massen vereinen. Manuel Castell hatte das wohl nicht vorraus gesehen. Wir sind also nicht weniger Individualisiert, sondern es gibt nur mehr und mehr gleiche Individuen.

Wo man nun den oben zitierten Satz jedoch wirklich als historischen Grund ansehen kann, ist das Problem mit der abgenommenen Verantwortung. Die Industiealisierung hat damit angefangen, indem sie die Arbeit an den Fließbändern so gestaltet hat, dass sie von jedem Arbeiter ausgeführt werden kann, womit dem Arbeiter die Verantwortung für einen bestimmten Arbeitsprozess abgenommen wurde. Heute hat dieser Prozess die höchsten Ebenen erreicht und man hört immer mehr Manager sich darüber beklagen. Denn auf einmal sind sogar die Entscheider Auswechselbar geworden! Für die AG natürlich super, denn da diese jetzt keine historische Verantwortung mehr haben (wie z.b. bei Familienunternehmen) ist es auch möglich mal kurz 10.000 Arbeiter zu entlassen. Die Manager machen ja nur einen Job, den notfalls andere Manager machen würden. Diese Verantwortungslosigkeit, welche durch neue Wirtschaftserrungenschaften (Forschungergebnissen und deren Umsetzung) in fast allen Bereichen einzug genommen hat, sogar in der Politik, ist eines der größten Probleme unserer heutigen Zeit. Während sich 20.000.000 Menschen mittlerweile ihre Verantwortung in ehrenamtlicher Arbeit wieder zurück geholt haben, sind es jetzt aber gerade die gut ausgebildeten und erfolgreichen Menschen, welche kein Glück durch Verantwortung mehr erfahren können.

[i]denn der Mensch ist nur was Wert, wenn der Kapitalmarkt ihn braucht[/i] Nein und Ja. Nein, denn der Mensch kann Wert auch in anderen Bereichen, z.B. in ehrenamtlicher Tätigkeit oder als Elternteil in der Erziehung Wert erfahren. Ja, weil der Mensch nur so am Kapital beteigigt wird.

Irgendwo stand auch etwas wie: Zahlen sind nicht moralisch. Das stimmt, leider wird dies jedoch nicht so betrieben. Denn hier ist die Wirtschaft definitiv über ihre Zuständigkeiten hinaus gegangen und meint mit Zahlen mittlerweile alles messen zu können, Glück, Zufriedenheit, Liebe… . Wenn die Wirtschaft noch wüsste, dass es sich hierbei nur um Zahlen handelt, die Rückschlüsse nur auf ganz bestimmte Dinge zulassen, dann wäre schon einiges geholfen. Denn dann würde man die anderen Bereichen hofftenlich mal den Profis überlassen, den Geisteswissenschaftlern.

Ich hoffe ein paar Anregungen gegeben zu haben.
Gruß Robert

Manchmal frage ich mich, ob nicht die Individualität der Menschen in präindustialierten Zeiten komplett überschätzt wird?
Schließlich ist es ja nicht so, dass es vor dem Beginn der industriellen Zeit nur Künstler gab.

Dazu kommt, dass wir in einer Multioptionsgesellschaft leben und wir uns unseren Konsum auch selber zusammen stricken können.

Persönlich ist mir das zu billig, wenn man der Werbeindustrie das Erschaffen von Bedürfnissen vorwirf, wir sind doch keine Idioten, die die Realität dahinter nicht erkennnen würden.

Kommentarfunktion ist deaktiviert