Zahlen sind wirklich tückische Zeitgenossen, die ständig ihre Meinung ändern. Äußerlich sagen sie immer das Selbe aus. Der Genosse 42 sieht immer wie eine 42 aus, doch der erste Blick kann täuschen. Mal ist er die Antwort auf alle Fragen, mal ein großes Problem. Das Problem ist allerdings nicht der Genosse 42, denn mit ihm kommt man noch ganz gut zurecht. Wenn man ihn alleine trifft, plustert er sich zwar manchmal ein wenig auf und macht sich größer als er ist, aber wenn man ihn ein wenig betrachtet, renkt sich das schon bald wieder ein.

Doch Genosse 42 ist selten allein. Er multipliziert sich mit dem Kollegen 73 und weiteren tausend Gleichgesinnten. Dann lässt er sich mal hinausdividieren und manchmal bleibt er länger als geplant. Die Genossen Zahlen sind für ihre Tücken bekannt und werden doch immer wieder zu Rate gezogen, mit unbekannten Folgen. Die Genossen Zahlen sind gern gesehen, überall und von jedermann. Sie werden bezahlt und auch nicht zu knapp. Jeder hat sie gerne auf seiner Seite, selten sind sie es lange.

Lassen wir die Zahlenspiele ..Verzeihung.. Wortspiele beiseite um uns dem Problem der Zahlen zuzuwenden. Zahlen sind in der Wirtschaft ebenso beliebt wie in der Politik. Ob in der Wissenschaft, ob in der Bildzeitung, nirgendwo wird auf Zahlen und Statistiken verzichtet. Natürlich zu Recht, denn wir brauchen Zahlen und Werte. Unser, nicht durchwegs, aber doch größtenteils auf Empirie aufgebautes Realitätsverständnis braucht Zahlen und Formwerte um die „Realität“ zu beschreiben, ansonsten würden wir in der Flut von Informationen versinken.

Ich weiß nicht, ob nicht schon die kindliche Entwicklung eines Ichs Zahlen enthält, also mindestens 2, ich und jemand anderes, oder ob Zahlen anders einzuführen wären. Ich weiß aber, dass ohne Zahlen ein präziser Sprachgebrauch nicht möglich wäre. Nicht, dass wir unbedingt dieses arabische Zählverfahren benutzen müssten, es gibt auch andere, aber Eines, Vieles, Verschiedenes sind schon Zählformen. Zu einem System gefasst können diese Zahlen nutzbar gemacht werden. Kaum vorstellbar, wie ich jemandem ohne Zahlenverständnis oder -wissen erklären sollte, dass ein Berg eine Steigung von 12 Prozent hat. Sicher, ich könnte versuchen mit meiner Hand ihm eine ungefähre Ahnung von der Steigung zu geben. Es wäre wahrscheinlich ein Desaster.

Wir brauchen Zahlen also zum präzisen Umgang mit Sprache und empirischen Ergebnissen. Zwischenfrage: Wäre eine empirische Methodik möglich, ohne die Möglichkeit des Zählens? Doch die anfangs dargestellte Problematik der Zahlen liegt nicht in ihrer Präzision. Zahlen verändern sich nicht, doch ihre Bewertung kann ungemein schwanken. Zum Teil wird mit den selben Zahlen bzw. Ergebnissen Gegenteiliges begründet.

Ein jeder kennt den Ausspruch „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, der Winston Churchill zugesprochen wird. Dort wird deutlich, worauf ich hinaus möchte. Zahlen stehen zunächst für eine Berechnung oder Beobachtung von Tatsachen. Doch diese Tatsachen sind keineswegs so eindeutig, wie die Zahlen suggerieren könnten.

Bei einer statistischen Erhebung ist wichtig, dass ich genug Leute befrage, um das Ergebnis repräsentativ zu gestalten. Selbst dann müssen meine Zahlen nicht den Tatsachen entsprechen. Miterleben kann man das vor jeder Bundestagswahl. Glücklicherweise kann man dort die „realen“ Ergebnisse mit den Umfragen vergleichen, was sonst selten der Fall ist. Wenn eine Umfrage herausfinden soll, wie viele Menschen in Deutschland ein Gesetz gut finden, dann kann dieses Ergebnis schlicht nicht repräsentativ sein, dennoch werden nicht selten solche Umfragen genutzt. Sicher haben wir das (fast) alle in der Schule gelernt, aber das hindert dennoch nicht daran, dass solche statistischen „Ungenauigkeiten“ an der Tagesordnung stehen. Egal ob in Politik, Medien oder dem Elternabend des städtischen Gymnasiums nebenan. Ein aktuelles und überaus amüsantes Beispiel findet ihr in der Wissenswerksatt.

Aber nicht nur in der Statistik kann mit den lieben Zahlen etwas schief gehen. Zahlen sind Werte, doch Zahlen sind neutrale Werte und sie müssen interpretiert werden. Von wertenden Menschen. So kann es z.B. passieren, dass gesagt wird, in einer Demokratie gewinnt derjenige, der mehr als 50 Prozent aller Stimmen auf sich vereint. Man wählt also und das Ergebnis sieht folgendermaßen aus:

Kandidat 4 sieht sich als der klare Sieger dieser Wahl und das ist wohl unbestritten. Er hat sehr viel mehr Stimmen auf sich vereinen können als die anderen Kandidaten. Im ersten Interview freut er sich über 50,2 Prozent der Stimmen, also die geforderte Mehrheit und entschwindet auch schnell zu seinen Parteifreunden, um mit Sekt auf die gewonnene Bürgermeisterwahl anzustoßen.

Doch so sicher sollte er nicht sein und es den „Gewinnern“ Schröder und Stoiber nachmachen: sich zu früh zu freuen. Kandidat 2 nämlich pocht auf eine Wahlwiederholung, da keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen erreicht habe. Denn Kandidat 1 hat die ungültigen Stimmen nicht mitgezählt, mit denen er nur auf 31,6 Prozent der Stimmen kommt.

Man kann sicher jetzt einwenden, dass nicht die Zahlen das Problem darstellen, sondern ein unklares Gesetz, welches nicht sagt, ob mit allen gültigen Stimmen 50 Prozent erreicht, oder ob auch ungültige Stimmen mit einbezogen werden müssen. Denkbar ist noch, dass sogar 50 Prozent aller Wahlberechtigten ihren Bürgermeister wählen müssten. Die Zahlen stellen dabei das geringste Problem dar und doch bin ich mir sicher, dass diese zur Argumentation herangezogen werden. In unserer kleinen Beispielstadt werden alle Parteien sich Zahlen um die Ohren hauen und immer wieder darauf pochen, dass die Zahlen nicht lügen und man eben einfach Recht hat.

In diesem kleinen Beispiel würde die zuständige Gerichtsbarkeit entscheiden, welche Interpretation des Gesetzestextes die bessere/ richtigere ist. Erst dann würden die Zahlen wirklich zu ihrer Geltung kommen.

Dennoch ist zu diskutieren, wie direkt wir unsere Demokratie haben wollen und welcher Weg der Auszählung der beste ist. Mit Zahlen hat das nichts zu tun, sondern mit Werten, die wir den Zahlen geben. Ein weiteres Beispiel ist der gescheiterte Volksentscheid in Hamburg, der bezeichnenderweise über die Bedeutung von Volksentscheiden bei der Gesetzgebung im Hamburger Parlament entscheiden sollte:

„492.864 Stimmen wurden abgegeben, 607.468 wären nötig gewesen. Das ist zwar einerseits verständlich, denn einer Verfassungsänderung sollten 50% der Menschen zustimmen. Aber: Welche Regierung wird mit 50% der Stimmen aller Bürger gewählt? Wieviele Menschen stehen tatsächlich hinter einer Verfassungsänderung, die von 2/3 der Abgeordneten bestimmt wird? Und wenn 250.000 Demonstranten in Leipzig das DDR Regime stürzen konnten, wieso braucht’s dann 607.468 um die Hamburger Verfassung zu ändern? So theoretisch richtig die Zahl sein mag, so falsch ist sie in der Realität.“ Trupoli Blog

Zahlen sollen uns nur helfen, die „Realität“ einfacher und genauer zu begreifen. Sie stehen nie für sich alleine, irgeneine Wertung, irgendeine Wahrheit. Irgendetwas.

29. Oktober 2007