Ich habe es gestern dann doch noch geschafft den Film Hannah Arendt bei uns im Programmkino zu schauen, kurz bevor er abgesetzt wird. Und er hat beeindruckt. Und ich kann ihn empfehlen. So wie ich ihr Buch Eichmann in Jerusalem ebenso jedem zu lesen empfehle. Um den Eichmannprozess und ihren Umgang mit diesem geht es auch in diesem Film. Jedenfalls war dies meine Perspektive auf den Film. Rezensiert wurde er ja hauptsächlich als Porträt einer starken Frau. Und so kann man ihn sicher auch aufnehmen, aber mir ging es eher um die Entwicklung ihrer Gedanken zur Banalität des Bösen. Um die Auseinandersetzung mit einem Phänomen, was zwischen Normalität und Grauen angesiedelt ist und was ein ebenso radikales Denken braucht, um es aufzudecken. Radikales Denken ist allerdings nicht totalitäres Denken. Das zu unterscheiden ist nur im Denken selbst möglich. Nie ist diese Unterscheidung selbst kategorisch.

Hannah Arendt war sicherlich eine starke Frau, eine starke Persönlichkeit, aber vielmehr war sie eine Denkerin, die dem Denken einen so großen Teil ihres Lebens widmete, dass es sie ebensogut hätte auffressen können. Ich sollte zwar durchaus noch erwähnen,d ass ich von ihrem Hauptwerk, der Vita activa nichts, aber auch rein gar nichts halte und ihr bei der Entwicklung der dort vorgetragenen Gedanken viel zu viele einfache und unbedachten Abkürzungen vorwerfe, aber die Gedanken zur Banalität des Bösen, zum Kern des Totalitarismus, die sie in Konfrontation mit Eichmann entwickelt, sind vielleicht die wichtigste politische Entdeckung des 20. Jahrhunderts.

Ihr Argwohn gegen jedwede Normalität ist die Grundlage, um in Eichmann das zu sehen, was sonst niemand in ihm gesehen hat: Eichmann ist kein Monster, ist kein klassischer Täter, niemand, der sich über sein gewissen hinwegsetzt und tötet, sondern schlicht das, was als normal angesehen wird. Ein Spießer vielleicht, eine schwache Persönlichkeit, ein Niemand, aber jemand, der aus diesen schwächen keine Kraft zieht, sondern schlicht tut, was er für Normal hält. Normalität ist die Gläubigkeit, dass die Regeln, nach denen Gesellschaften funktionieren, schon irgendwie ihre Richtigkeit haben. Normalität ist es, zu wissen, dass man nichts tun kann und deshalb auch der Verantwortung enthoben ist, etwas zu tun. Normalität ist die Hörigkeit, dem Alltag das Denken zu überlassen. Normalität ist das, was Hannah Arendt die selbstgewandte Entmenschlichung der Person durch Missachtung des eigenen Person-seins nennt. Und ohne die so gedachte Normalität kann kein Totalitarismus entstehen. Können Verbrechen dieser Größenordnung nicht gedacht werden. Einfache Täter-Opfer-Beschreibungen können den Holocaust nicht beschreiben. Schlicht weil eine so organisierte Grausamkeit nicht durch die Grausamkeit einzelner durchführbar ist, sondern die Normalität bzw. Gleichgültigkeit der Vielen voraussetzt.

Argwohn gegen Normalität. Ohne dabei in jedem Spießer Adolf Eichmann zu sehen. Denken statt Ausführung von Unbedachten.

Dieser Argwohn hat Hannah Arendt selbst sehr viel Argwohn eingebracht. Die Vorwürfe und Anfeindungen gegen Sie waren vielfältig, aber sie hatten eines gemeinsam: unbedachte Normalität.

Es ist schwierig einen solchen Text zu beenden, denn ein solcher muss immer wie der Aufruf zu mehr Skepsis der Normalität gegenüber wirken. Dies zu brechen geht nur über den Aufruf, selbst zu denken. Und das sauere aude hat zwar die Form eines Imperativs, kann aber nur in sich selbst konsistent sein, wenn es sich selbst schon hervorbringt. Denn die Normalität der Alternative ist ebenso eine Normalität, wie ihr abgelehntes Gegenteil. Und Denken muss sich immer an Normalität reiben, kann diese aber auch zu jeder Zeit bestätigen. Nur wenn diese Möglichkeit bedacht ist, ist Denken radikal.

Der Bruch mit dem Normalen ist unaufgehoben selbst wieder Normalität.

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8. März 2013