Betriebswirtschaftslehre ist eine Ausbildung!

Ein ironisch, stereotyp verfasstes Plädoyer für die Erhaltung der Wissenschaft und die Zurückdrängung des Modells der Hochschule als Dienstleister. Nicht die Wissenschaft muss sich ändern, nein die Wirtschaft muss ihren eigenen Regeln folgen: Ineffizienz der betriebswirtschaftlichen Ausbildung.

Mit der Beurteilung anderer Wissenschaften ist die Philosophie schnell dabei, rächt sie sich doch so für die dauernden Angriffe auf ihre Brauchbarkeit. Philosophie habe keinen Nutzen und warum dann in einer ökonomisierten Welt dafür Geld ausgeben. Zudem sei die Philosophie doch wunderbar geeignet, um als ausgleichendes Hobby für den gestressten Manager von Heute zu dienen und müsse deshalb doch nicht universitär betrieben werden; was das kostet.

Ich drehe den Spieß einmal um, ob aus Boshaftigkeit, Rache oder ernsthaften wissenschaftlichen Interesse, sei dahingestellt. Ich will keinen Hehl daraus machen, dass dieses Semester in meinem Nebenfach BWL/ VWL mich zu Tode gelangweilt hat. Ich habe mich andauernd gefragt, was macht die BWL eigentlich hier an der Universität, welchen Nutzen soll das haben.

Machen wir uns nichts vor, die BWL ist die einzige Sparte der Uni, die nicht zu Naturwissenschaft gezählt wird und trotzdem eine Chance bei Eliteclustern und sonstigen Luftnummern hat. BWL ist ganz, ganz wichtig in einer Welt, die der Wirtschaft dient. BWL ist die Religion des Homo Ökonomicus und so wird sie auch zelebriert. Kommt man in eine BWL Vorlesung wird man erstmal nichts verstehen, wenn man nicht gerade zweisprachig aufgewachsen ist mit einer emanzipierten Karrieremama und einem Businesskasper als Vater. Anfangs meint man noch, die aus dem Englischen entnommenen „Fachwörter“ dienen dem wissenschaftlichen Betrieb und grenzen so die BWL vom normalen Sprachgebrauch des Alltags ab. Schnell aber wird einem klar, dass dieses Husarenstück der Weltverklärung dem Schein doch arg zugetan ist. Hier wird ein Sprachgebrauch gepflegt, der selten mehr ausdrückt als vergleichbarer Alltagsgebrauch, aber schnell die Spreu vom Weizen trennt, wie man so schön sagt. Es bilden sich schon in den ersten Wochen diejenigen Charaktere heraus, die mit Eifer dieses Neusprech übernehmen und Fragen zur vollster Zufriedenheit der Tutoren beantworten, die nicht aussagekräftiger sind, als die Erklärungen eines Neunjährigern sind, warum er auf dem Flohmarkt mehr verkauft hat als seine Schwester. Diese „Elite“ der BWL Studenten wird keine Probleme haben die Multiple-Choice-Fragen in der Klausur zu verstehen, denn die Beantwortung ist streng genommen kein Problem, bzw. wäre kein Problem für Studenten mit einigermaßen gesundem Menschenverstand, wenn sie nicht so verklärend gestellt wären.

Aber der Sprachgebrauch ist nicht das Abgrenzungskriterium, dass ich anführen möchte. Eine jede Wissenschaft bildet einen sprachlichen Zirkel heraus, der weniger der Wissenschaft, mehr aber dem Habitus dient. Gerade Philosophen sind da hervorragende Aufschneider. Den Unterschied macht die Begründungsstrategie, die ich nicht werten möchte, sondern auf wissenschaftliches Interesse hin untersuchen will:

Der sprachgewandte Philosoph wird dir mit dem Verstehen durch Sprache kommen und dich wortgewaltig auf die notwendige Präzisierung von Sprache hinweisen. Erkenntnis, Verstehen und folgend Wissen manifestiert sich nur in Sprache und einer plumpen Sprache entspringt eine plumpe Welt.

Der BWLer aber wird eine ganz andere Strategie fahren und dir etwas von globalisierter Wissenschaft erzählen, von praktischer Anwendung in Unternehmen und davon, dass du ohne „Fachwissen“ in globalisierten Unternehmen keinen Fuß in die Tür bekommen wirst. Denn wer will schon in den Mittelstand, das ist was für die Studenten, die „es“ nicht verstanden haben. Ist er etwas weniger elitär eingestellt, wird er sogar auf die immer weiter fortschreitende Internationalisierung des Mittelstands verweisen. Er betont den praktischen Nutzen dieser Wissenschaftsentwicklung und die Gesellschaft jubelt ihm zu. Der Nutzen ist Geld und mehr Geld hat doch jeder gerne.

Ob jetzt durch eine philosophisch verkomplizierte Welt dieser auch einen Nutzen in Form rollender Rubel bringt, will ich beiseite schieben und lieber den Nutzen in der wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre untersuchen. Stellen sich die BWLer diesem denn?

Zunächst einmal sei festgestellt, dass der BWL auch noch einen Stiefbruder beiseite sitzt: die Volkswirtschaftslehre. Verpönt als abgedrehte Sichtweise, die kein bisschen weiterhilft schnell Millionär zu werden und mit seinem Mercedes reihenweise Frauen abschleppen zu können, ist sie doch Pflicht im Studium der BWL. Hier soll der Manager von Morgen ein Gespür für gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge bekommen, damit er später auch die Riesenhobel unter den Konzernen lässig leiten kann. Der BWLer an sich strebt. Er strebt rational. So jedenfalls die Theorie.

Dieser Stiefbruder piesackt ihn aber ungemein, kann er doch sein neu erworbenes „Fachwissen“ nur bedingt anwenden. Auch in der VWL tauchen diese denglischen Wörter auf, doch verbinden sich diese auf einmal mit theoretischen Zusammenhängen, die nicht durch Vokabelkärtchen zu erfassen sind. In der VWL ist die Mathematik noch nicht durch Phrasen ersetzt worden; hier wird gerechnet und gezeigt, statt zu reden und zu machen. Vor allem wird hier das Modell noch nicht als Wirklichkeit verkauft.

Hier soll allerdings nicht der Eindruck entstehen, dass die BWL keine Wissenschaft sei. Wer einmal entgegen der ungeschriebenen Regeln des Studiums in die Werke der Klassiker oder auch moderner Größen geschaut hat, der wird schnell feststellen, dass hier das Wissen (fast) aller Wissenschaften genutzt und auf die ökonomische Praxis übertragen wird. Man kann durchaus nahezu alle Bereiche des Lebens mit wirtschaftlichen Grundsätzen erklären bzw. feststellen, dass in allen Bereichen wirtschaftliche Zusammenhänge eine Rolle spielen. Nur spiegelt sich das eben nicht im Studium wieder. Hier wird impliziert, dass der Student nach praktischen Wissen verlangt, das ihm im späteren Berufsleben hilft seine Managerrolle ausfüllen zu können. Die Wirtschaft interessiert ihn nicht die Bohne, seine wirtschaftliche Lage wird durch sein Gehalt bestimmt. Wirtschaft geht nur so weit, als es sein Gehalt beeinflusst. Damit will ich keine Stereotypen weiter festigen, sondern ziehe nur meine Lehre aus dem Studienaufbau der BWL.

Doch wenn die BWL eine reine Ausbildung zum Manager sein soll, dann ist zu fragen, ob das sinnvoll, also ökonomisch effizient, an der Universität geschehen sollte. Ein Handwerker wird im Betrieb ausgebildet weil er praktisch zu lernen hat, was er in seinem beruflichen Leben praktisch anwenden soll. Was also hat die BWL an der Uni zu suchen, wenn hier Manager praktisch von Leuten ausgebildet werden, die nur theoretisches Wissen über die Praxis haben? Das ist ineffizient.

Wäre es da nicht sinnvoller BWLer in Betrieben/ Unternehmen ausbilden zu lassen und die Betriebe eng an die Hochschule zu binden, um ihnen von Theoretikern aufgedeckte Zusammenhänge aufzuzeigen und so die betriebliche Praxis zu bereichern? Sicher, genau das wird zur Zeit erprobt und überall als Erfolgsmodell präsentiert. Hochschulen betrieblicher zu gestalten ist aber genau falsch herum gedacht. Denn nicht die Praktiker sollten in die Hochschule rücken, sondern die praktisch Auszubildenden zu den Praktikern. An der Universität wird Theorie im Ideal zu späterer erfolgreicher Praxis führen, aber um diesen praktischen Fortschritt nicht zu gefährden muss die Theorie erhalten bleiben. Momentan können wir aber einen genau umgekehrten Prozess feststellen. Hochschule als Dienstleistungsunternehmen fördert die Praxis, nicht die theoretische Freiheit und Pluralität.

Nicht die Geisteswissenschaft liegt falsch, wenn sie ihren direkten praktischen monetären Nutzen nicht zu ihrem Ziel macht, sondern die BWL, wenn sie denkt, dass durch Praxis Theorie entsteht, wie das in den Naturwissenschaften der Fall sein kann. Aber die BWL ist keine Naturwissenschaft, sondern bedingt sich aus den mikro- und makroökonomischen Überlegungen der VWL, die kulturwissenschaftlich vorgeht. BWL muss dann genau das leisten, was das Handwerk mit der Physik verbindet: Theoretische Überlegungen umsetzen und so für die Gesellschaft zu einem direkten Nutzen zu führen. Sollte die BWL erst einmal outgesourced sein, wird sie schon schnell genug erkennen, welchen Nutzen der Stiefbruder VWL ihr bringt und sich, ganz marktwirtschaftlich, enger an die Hochschule binden. Ein Austausch von Hochschule und Wirtschaft ist unerlässlich für einen technologischen Fortschritt, aber nicht mit der Zurückdrängung der Forschung zu bezahlen.

Deswegen fordere ich: Betriebswirtschaftlehre als Ausbildung! Für unser aller Wohl.