Ich fotografiere gern Momente. Sogenannte echte Momente. Sogenannte deshalb, weil es diese Momente nicht gibt, die echten. Alles ist Perspektive in der Kunst. Keine Ästhetik im Objektiven. Auch wenn es Techniken der Objektivitätssteigerung gibt. Aber diese Techniken nerven. Fotografen sind nervig, wenn sie etwas Echtes einfangen wollen. Echt ist hier dasselbe wie das Unerwartete.

Wenn ihr mit mir trinken geht, kann es euch passieren, dass ich irgendwann die Kamera raushole. Wenn ihr mit mir redet könnte es passieren, dass ihr hochblickt und ich nur noch halb zuhöre, weil ich gerade fotografiere. Wenn ihr in meiner Küche sitzt, wird es euch passieren, dass ihr auf einmal eine riesige 35mm-Linse im Gesicht habt. Und es wird euch nerven. Aber es geht nicht anders.

Man nähert sich auf leisen Sohlen, auch wenn es sich um ein Stillleben handelt. Auf Samtpfoten muss man gehen und ein scharfes Auge haben. (…) Kein Blitzlicht, das versteht sich wohl, aus Rücksicht vor dem Licht, selbst wenn es dunkel ist. Andernfalls wird der Photograph unerträglich aggressiv. Das Handwerk hängt stark von den Beziehungen ab, die man mit den Menschen herstellen kann. Ein Wort kann alles verderben, alle verkrampfen und machen dicht.
Henri Cartier-Bresson

Es geht nicht anders, weil es die Objektivität nicht nur nicht für mich gibt. Auch ihr werdet es nicht schaffen, euch selbst so objektiv zu betrachten, dass ihr wüsstet, was ich meine, wenn ich euch bitte, diesen oder jenen Gesichtsausdruck zu wiederholen, so oder anders zu schauen. Nicht nur ich kann euch nicht objektiv sehen, ihr könnt es auch nicht.

Und wenn wir beide schon nicht objektiv sein können, lass uns dann doch schön sein. Schön im Sinner der Ästhetik. Die ist brutal, manchmal grausam, manchmal seicht und manchmal sogar ein bisschen kitschig. Aber sie ist immer bei uns, auch wenn sie nie allen gefällt.

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14. Dezember 2015